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Das CRM-Silo hat keine Zukunft!

Phillip Schilling, 17. August 2026
Bild: David Ireland – Unsplash

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Kundenzentrierung ein gerne verwendetes Schlagwort in Unternehmens- und Marketingstrategien. Damit hat sie die Halbwertszeit vieler anderer Managementmoden deutlich übertroffen. Unternehmen, die ihre Kunden besser verstehen und konsequenter an deren Bedürfnissen ausrichten, wachsen schneller, arbeiten profitabler und schaffen stärkere Kundenbindungen – denken wir an Beispiele wie Amazon, Netflix oder Paypal. Doch warum schaffen es nur so wenige Unternehmen, ihre vorhandenen Kundendaten in einen echten Wettbewerbsvorteil zu verwandeln?

Gleich vorab: Es liegt nicht nur am Thema Datenschutz, auch nicht in Europa. Es liegt ebenso nicht am Mangel an Daten. Stattdessen zeigt sich in Gesprächen mit Marketingverantwortlichen immer wieder das gleiche Muster: Es gibt Daten, sogar sehr viele. Doch sie liegen in verschiedenen Systemen, sind unterschiedlich gepflegt und unvollständig oder organisatorisch voneinander getrennt.

Die Folge – das typische Szenario:

  • Der Vertrieb sieht etwas anderes als das Marketing
  • Der Kundenservice hat andere Informationen als der Online-Shop
  • Die Mediaplanung arbeitet ohne eigene Kundendaten
  • Das Customer-Relationship-Management (CRM) kommuniziert mit Bestandskunden, ohne eine ganzheitliche Sicht auf den Kunden

Obwohl enorme Datenmengen vorhanden sind, fehlt die Grundlage für echte Kundenzentrierung sowie eine konsistente Customer Experience. Und die verschiedenen Abteilungen fühlen sich entweder nur für ihren Kompetenzbereich verantwortlich oder haben längst aufgehört, gegen die internen Windmühlen zu kämpfen, um endlich die Informationen zusammenzubringen, die zusammengehören. Auch weil CRM-Teams selbst vielerorts mit organisatorischen und operativen Anforderungen, uninformierten Kampagnenplänen und knappen Ressourcen kämpfen. Strategische Fragestellungen bleiben dabei häufig auf der Strecke. Dabei müsste genau dort die Diskussion beginnen. Jetzt gerade wäre der richtige Zeitpunkt, diese internen Silos aufzubrechen und den vorhandenen Datenschatz nutzbar zu machen.

Der Knackpunkt liegt also in der Fähigkeit von Unternehmen, ihre vorhandenen Kundendaten überhaupt nutzbar zu machen. Der Mangel an Datenqualität, Datenzugänglichkeit und Datenaktivierung verhindert eine bessere Kundenorientierung. Doch woran liegt das?

CRM, die unterschätzte unternehmerische Disziplin

Wenn Unternehmen nach den Ursachen suchen, fällt der Blick erstaunlich selten auf das Customer-Relationship-Management. Das CRM wird in vielen Organisationen noch immer primär als Instrument für Retention, Kundenbindung oder Win-Back verstanden. Das ist wichtig, aber es greift zu kurz. Denn das CRM ist weit mehr als eine Kommunikationsdisziplin im Lower Funnel. Es ist die betriebliche Disziplin und auch der Ort, an dem das wertvollste Wissen eines Unternehmens über seine Kunden zusammenläuft. Hier befinden sich die in vielen Marketing-Zusammenhängen so händeringend erwünschten First-Party-Daten, Kaufhistorien, Verhaltensdaten, Präferenzen und Interaktionen. Oder zumindest sollten sie hier sein – und zusammenlaufen.

Ob das Problem im eigenen Unternehmen vorliegt, lässt sich dabei relativ einfach prüfen. Man muss einfach beim CRM-Team mal nachhaken, wann ihm die nachfolgenden Fragen zuletzt gestellt wurden:

  • Was unterscheidet unsere Bestandskunden von Nicht-Kunden?
  • Welche Kundensegmente entwickeln den höchsten Customer Lifetime Value?
  • Welche Verhaltensmuster gehen einer Kündigung voraus?
  • Welche Zielgruppen reagieren tatsächlich auf (welche) Marketingmaßnahmen?

Wenn das eine Weile her ist, dann ist das ein starkes Signal, dass im CRM wirtschaftlich relevantes Optimierungspotenzial liegen könnte.

Stattdessen landen diese Fragen oft ausschließlich in der Marktforschung oder bei externen Studien. Auch das hat selbstverständlich seine Berechtigung. Doch warum verlassen wir uns so häufig auf Befragungen weniger hundert Menschen, wenn gleichzeitig echte Verhaltensdaten von hunderttausenden oder sogar Millionen realen Kunden verfügbar sind? Mit keiner Fokusgruppe lässt sich tatsächliches Verhalten entlang der Customer Journey tatsächlich beobachten. Mit First-Party-Daten dagegen schon, solange die Qualität stimmt und sie korrekt erhoben wurden. Jedes Media-Mix-Modell wird besser, wenn Kundendaten integriert werden. Jede Personalisierungsstrategie wird relevanter. Jeder digitale Service wird wirkungsvoller. Und jede Marketinginvestition wird messbarer.

Doch welche Schritte können Unternehmen nun konkret gehen, um ihre Kundenzentrierung zu verbessern?

  1. Die Bereinigung: Die Daten in den einzelnen Quellen bereinigen und dabei die Datenqualität validieren und, wo möglich und sinnvoll, ggf. erhöhen
  2. Die Verknüpfung: Eine Struktur und eine Basis schaffen, um verschiedene Datenquellen an einem zentralen Ort zusammenführen zu können, beispielsweise mit einem Matching über gemeinsame Identifier, um Identitäten zu verknüpfen – und die Daten sowie Datenquellen dann tatsächlich zusammenzuführen. Auch das Consent-Management sowie Schnittstellen benötigen in diesem Zusammenhang häufig ein Update.
  3. Die Aktivierung: Use Cases und Strukturen schaffen, über die die nun sauber zusammengeführten Daten auch tatsächlich zugänglich und nutzbar werden, sowohl für interne Teams, als auch für KI sowie externe Tools und Dienstleister, um sicherzustellen, dass die Daten auch sinnvoll genutzt werden.

Fazit: CRM muss Chefsache werden

Zwischen der Erkenntnis und der Umsetzung beim Thema Kundenzentrierung liegt häufig ein Zeitraum von mehreren Jahren. Genau diese Zeit rennt Unternehmen heute schneller denn je davon. Denn die Bedeutung hochwertiger Kundendaten endet nicht bei Personalisierung oder Marketingeffizienz. Sie wird – beheimatet im CRM – zur Grundlage der nächsten technologischen Welle: Agentic AI, intelligente Assistenten, autonome Marketingprozesse und KI-gestützte Customer Experiences sind und werden nur so leistungsfähig sein, wie die Datenbasis, auf die sie zugreifen können. Und schlechte Daten werden durch KI nicht besser. Sie werden lediglich schneller verarbeitet.

Die Unternehmen, die ihre Kundendaten jetzt bereinigen, verknüpfen und aktivierbar machen, schaffen die Grundlage für die Marketingfähigkeiten der nächsten fünf bis zehn Jahre. Die hingegen, die ihre Datensilos aufrechterhalten und das Thema weiter nicht mit Dringlichkeit vorantreiben, werden feststellen, dass sich mit jedem weiteren Monat technologische Rückstände deutlich schwerer aufholen lassen, als der Ergebnisbeitrag einer ausgefallenen Kampagne, die für die Aufbereitung der Datenquellen depriorisiert werden muss.

CMOs und ihre CRM-Verantwortlichen stehen heute vor einer strategischen Entscheidung: Geht CRM weiterhin als spezialisierte Disziplin für Kundenbindung und Kampagnenmanagement durch, oder wird es endlich zu dem, was es sein sollte: der zentrale Treiber für Kundenverständnis, Personalisierung, Marketingeffizienz – und nicht zuletzt auch KI-Fähigkeit.

Wer jetzt nicht in Datenqualität, Datenintegration und Datenaktivierung investiert, verliert nicht nur Relevanz im Kundenerlebnis, er gefährdet auch die Fähigkeit seines Unternehmens, die nächste Generation datengetriebenen Marketings überhaupt nutzen zu können. Denn die nächste Marketingrevolution wird nicht von KI entschieden. Sie wird von der Qualität der Kundendaten entschieden, die diese KI nutzen kann.

Bild Phillip Schilling Über den Autor/die Autorin:

Phillip Schilling ist Chief Strategy Officer bei Digitas und Groupe Practice Lead CRM der Publicis Groupe DACH. Seit mehr als 15 Jahren entwickelt er datengetriebene Marketing-, CRM- und Customer-Experience-Strategien und begleitet Unternehmen bei der Verbindung von Strategie, Daten, Technologie und KI. Vor seinem Wechsel zu Digitas war er CEO der Agentur TRACK und verantwortete Projekte für nationale und internationale Marken. Digitas ist die Digitalagentur der Publicis Groupe. Sie verbindet Strategie, Kreation, Daten, Technologie und KI, um Unternehmen bei der Gestaltung personalisierter Kundenerlebnisse und nachhaltigem Wachstum entlang der gesamten Customer Journey zu unterstützen.