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Contextual killed the Keyword-Star: Von Faxgeräten und KI

Prof. Dr. Joost van Treeck, 20. Juli 2026
Bild: Michael Dziedzic - Unsplash

Wer heute in der digitalen Mediaplanung bei dem Begriff „Contextual Targeting“ noch an verstaubte Keyword-Listen oder simple URL-Kategorien denkt, bucht Kampagnen mit Sicherheit immer noch per Fax. Wir haben die Phase des stumpfen Keyword-Matchings längst hinter uns gelassen. Contextual Advertising basiert heute in aller Regel auf KI-gestütztem Tiefenverständnis, das – je nach Anbietertechnologie - bis in die feinsten psychografischen Bedeutungsnuancen eines Inhalts vordringt.

Ein redaktioneller Artikel über Elektromobilität ist für moderne Algorithmen nicht einfach nur das Schlagwort „E-Auto“. Die Technologie entschlüsselt aus dem Inhalt, ob der Text in seiner Tonalität gerade den Innovations-Enthusiasten, den sicherheitsorientierten Familienvater oder den statusbewussten Käufer anspricht. Wenn wir in der AdTech-Kette ein Premium-Eis wie Magnum Gold Billionäre Caramel einfach in die best match IAB-Schublade „Snack“ werfen, landet es am Ende neben dem Frikadellenbrötchen …lecker. Die gesamte kommunikative Bedeutung geht jedoch komplett verloren und den Markenverantwortlichen kommen die Tränen. Für erfahrene Marketing-Pros wie auch für die Konsumentenpsychologie macht es einen gewaltigen Unterschied, ob jemand im Supermarkt zum funktionalen Premium-Ariel oder aus Nachhaltigkeitsüberzeugung zum ökologischen Frosch greift. Der Unterschied liegt in der Psychologie und dem emotionalen Mindset der Konsument:innen.

Audience-Targeting über Kontext

Aus dieser einfachen psychologischen Tatsache, Ariel-Audience ist nicht Frosch-Audience, ergibt sich eine neue Sichtweise:: Contextual Targeting kann mit einem psychologischen Tiefenverständnis zum Audience-Targeting werden. Wenn inhaltliche und psychografische Bedeutung eines Umfelds matchen, erreicht man Zielgruppen, wo sie sich aufgrund ihrer individuellen Persönlichkeitspräferenzen und Interessen vermehrt aufhalten.

Wenn wir das fundamentale „Warum“ hinter dem Medienkonsum verstehen, erreichen wir Konsumenten um Längen effizienter. Menschen, die in ihrem Wesen stark von einem Leistungs- oder Machtmotiv getrieben sind, präferieren gänzlich andere Formate als jene, die primär nach Harmonie und Gemeinschaft suchen. Ein wuchtiger BMW iX platziert sich psychologisch hervorragend in einem Artikel über den roten Teppich in Cannes und transportiert im Kofferraum Ariel nach Hause.. Über diese psychografische Brücke holen wir Zielgruppen in ihrer aktuellen mentalen Disposition ab, und in diesem Fall auch ohne Notwendigkeit von Cookies.

Werbung und Umfeld: Der Halo-Effekt und das Ende der Resterampe

Wir dürfen als Marketer eine Grundregel nicht vergessen: Werbung existiert niemals im luftleeren Raum. Werbemittel und redaktionelles Umfeld sind untrennbar miteinander verbunden. In der Psychologie sprechen wir hier von starken Halo-Effekten, die Strahlkraft, Seriosität und Emotionalität der zur Brand passenden Umfelder färben unmittelbar auf das Werbemittel ab. Damit ist kontextuelles Targeting weit mehr als ein reines Instrument zum Reichweitenaufbau; es ist ein ungemein mächtiger Hebel für das strategische Branding.

Und nun räumen wir direkt mit einem alten Mythos auf: Contextual aktiviert keineswegs die programmatische Resterampe des Internets. Ganz im Gegenteil, es bringt in der Regel Premium-Inventar zum kleinen Preis auf den Plan, denn bei genau diesem hochwertigen Inventar fehlen oft die Consent-Signale. Hohes Einkommen und hohe Bildung sind korreliert mit der Verwendung von iOS Die Folge: Die Umfelder sind sehr günstig in der Auktion zu erwerben. Publisher können Traffic, der wegen fehlender Consent-Signale im Abseits gelandet ist, wieder profitabel veredeln, und Advertiser profitieren von der Aktivierung in bislang „verlorenen“ Reichweiten zu attraktiven Preisen.

Das Frequency Capping-Paradoxon entspannt betrachtet

Jetzt heben kritische Stimmen berechtigt die Hand: Ohne IDs ist ein hartes Frequency Capping (FC) auf Userebene technisch nicht machbar. Das stimmt. Doch dieser Einwand ignoriert einen wesentlichen Faktor: Contextual Targeting arbeitet in seiner Mechanik grundlegend anders als ID-Targeting. Bei einem klassischen Retargeting folgen wir einem identifizierten User durch das Netz und spielen ihm immer wieder dieselbe Nachricht aus, oft völlig losgelöst von seinem aktuellen Surf-Kontext. In diesem Szenario ist ein strenges FC absolut unverzichtbar, um toxische Reaktanz zu vermeiden.

Bei psychografischem Contextual Targeting taucht eine Marke jedoch immer nur genau dann auf, wenn das Thema in exakt diesem Moment relevant ist. Wenn jemand an einem verregneten Wochenende zehn verschiedene Ratgeber-Seiten zum Thema „Kinderzimmer renovieren“ liest, ist es vollkommen legitim, wenn dort mehrfach der lokale Baumarkt als Problemlöser erscheint. Sucht dieselbe Person wenig später ein Rezept für das Mittagessen, findet der Baumarkt in diesem themenfremden Koch-Umfeld schlichtweg nicht statt. Contextual ist eben genau dort, wo es situative Relevanz hat.

Im Rahmen der wahrscheinlichen Anzahl an Einblendungen bei normalem Surfverhalten und intelligenter kontextueller Selektion droht hier absolut kein Overkill. Die natürliche Verweildauer der User in einem spezifisch relevanten Themenumfeld reguliert die Kontaktfrequenz organisch von ganz allein. Eine zu hohe Kontaktanzahl im Sinne einer negativen Wirkung beim Displaymarketing identifiziert die Wissenschaft unter diesen situativen Voraussetzungen bislang nicht.

Die unangefochtene Stärke im Upper Funnel

Ein letzter, oftmals unterschätzter Punkt ist die strategische Eroberung neuer Marktanteile. Contextual Targeting besitzt eine immense Stärke darin, völlig neue Kunden zu gewinnen. Die Logik dahinter ist faszinierend einfach: IDs sind unschlagbar darin, Menschen durch das Web hindurch wiederzufinden, die ein Unternehmen bereits kennt oder zuvor als relevant identifiziert wurden. Contextual hingegen findet kontinuierlich neue Kunden.

Besonders im Upper Funnel, wo User häufig noch keinen konkreten Markenbezug haben, spielen Category Entry Points eine entscheidende Rolle, also jene Situationen, in denen ein Bedarf überhaupt erst entsteht. Hier lässt sich eine Zielgruppe durch situative, psychologisch scharfe Relevanz im passenden Umfeld am allerbesten abholen.

Die Symbiose: Warum das Open Web beides braucht

Anstatt sich in einer Entweder-oder-Debatte zu verlieren, liegt die Zukunft in der strategischen Symbiose. ID-Targeting bleibt unverzichtbar, um im Lower Funnel bereits bekannte User messerscharf wiederzufinden, zu konvertieren und zu messen. Contextual Targeting hingegen übernimmt die Rolle des intelligenten Scouts: Es erobert neue Zielgruppen im Upper Funnel und macht jenen wertvollen Traffic im Open Web wieder zielgerichtet nutzbar, der durch fehlenden Consent oder Browser-Restriktionen ohne Identifier verbleibt. Wer diese beiden Kräfte clever vereint, gibt dem Open Web genau das Rüstzeug, das es braucht, um seine Unabhängigkeit und seine entscheidenden Vorteile gegenüber den geschlossenen Ökosystemen der Walled Gardens selbstbewusst auszuspielen.

Tech Finder Unternehmen im Artikel

Bild Prof. Dr. Joost van Treeck Über den Autor/die Autorin:

Prof. Dr. Joost van Treeck ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Hamburg und Gründer sowie CPO des Adtech-Unternehmens True Relevance. Als Experte für Werbe- und Konsumentenpsychologie beschäftigt er sich seit über 15 Jahren mit der Frage, wie menschliches Verhalten im digitalen Raum verstanden und für eine relevantere Ansprache genutzt werden kann – jenseits von Cookies und IDs.

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