Mit Safari 27 scheint Apple tiefer in die technische Infrastruktur von Programmatic Advertising einzugreifen. Webkit, die von Apple entwickelte Browser-Engine hinter Safari, kann Anfragen an bestimmte Domains vollständig blockieren und nutzt dafür inzwischen eine aktualisierbare Regelliste. Davon sind unter anderem bereits The Trade Desk sowie mehrere Identity-Anbieter betroffen. Nach Informationen des US-Branchenmagazins Ad Exchanger reicht Apples potenzieller Kandidatenpool noch deutlich weiter.
Die technische Grundlage für die Blockaden hatte Webkit bereits im Februar geschaffen. Damals tauchte ein Eintrag im Webkit-Bugtracker mit dem Titel „Unconditionally block requests going to certain domains“ auf. Damit lassen sich Anfragen an ausgewählte Domains vollständig unterbinden.
Ende September folgte eine weitere Änderung. Eine im öffentlichen Webkit-Code dokumentierte Anpassung ersetzt die zuvor statische Domainprüfung im Netzwerkprozess durch eine sogenannte “Content Rule List”, die von Apples Webprivacy-Komponente bereitgestellt wird. Das System lädt und speichert diese Liste und kann sie neu einlesen, wenn Webprivacy eine Aktualisierung meldet.
Wie umfangreich die dahinterliegende Liste tatsächlich ist, lässt sich aus dem öffentlichen Code leider nicht herauslesen. Der Ad Exchanger berichtet unter Berufung auf zwei Quellen mit direkter Kenntnis der Webkit-Änderungen jedoch, dass Apple inzwischen eine Bibliothek mit Hunderten CDPs, weiteren Adtech- und Martech-Unternehmen, Datenanbietern und Betreibern von Identity Graphs vorhält. Einer der Informanten habe Ad Exchanger Einblick in besagte, nicht öffentliche Liste gewährt. Welche Unternehmen davon aktuell blockiert werden und nach welchen Kriterien Apple zwischen potenzieller und aktiver Sperre unterscheidet, bleibt offen.
The Trade Desk verliert den Zugang zu Safari-Inventar
Welche Folgen eine solche Blockade haben kann, zeigt sich aber schon am Beispiel von The Trade Desk (TTD). Ian Meyers, Senior Director of Engineering beim kalifornischen DSP-Anbieter, meldete am 21. September im Webkit-Bugtracker, dass Safari 27 unter anderem die Domain “adsrvr.org” blockiert. Sie dient laut Meyers als zentrale Infrastruktur für Ad Requests und die Auslieferung von Werbung durch TTD und ist damit nicht auf Identity-Funktionen beschränkt.
Im gleichen Eintrag werden Domains von Unified ID 2.0, ID5, Liveramp, Permutive und Audigent aufgeführt. Im Fall von The Trade Desk führte die Sperre dazu, dass die DSP auf betroffenen Safari-Installationen schlicht keine Werbung über die blockierte Domain ausliefern kann. Webkit stufte den gemeldeten Fehler mit hoher Priorität ein und ein Entwickler bestätigte am 22. September, dass Apple den Vorgang untersucht. Bislang ist im öffentlichen Ticket jedoch keine Lösung aufgetaucht.
Für Technologieanbieter ist die Folge also klar. Für Publisher kann eine vollständig blockierte Adserving-Domain bedeuten, dass Nachfrage aus einer betroffenen Technologie nicht mehr auf Safari-Inventar zugreifen kann. Werbetreibende und Agenturen verlieren entsprechend einen Teil der adressierbaren Reichweite über diesen Pfad. Die Sperre gilt sowohl für iPhones als auch für iPads. Eine separate technische Analyse fand dieselbe Sperrliste jedoch ebenso unter macOS 27.0.1. Damit sind offenbar nicht nur mobile Geräte, sondern auch Macs betroffen.
Apples Kriterien bleiben von außen schwer nachvollziehbar
Apple beziehungsweise Webkit begründet Tracking Prevention grundsätzlich mit dem Schutz der Privatsphäre. Die offizielle Policy sieht vor, Cross-Site-Tracking und verdeckte Tracking-Verfahren technisch zu verhindern. Webkit behält sich außerdem vor, bei Versuchen zur Umgehung bestehender Schutzmaßnahmen zusätzliche Restriktionen auch gegen einzelne Parteien einzuführen. Ausnahmen für bestimmte Unternehmen will Webkit nach eigener Darstellung nicht gewähren.
Die Entwickler:innen erkennen allerdings an, dass solche Maßnahmen auch erwünschte Anwendungen treffen können. Als mögliche unbeabsichtigte Folgen nennt die Policy ausdrücklich die Finanzierung von Websites durch personalisierte Werbung, Werbewirkungsmessung und Audience Measurement.
Das ist für den Werbemarkt allerdings nicht so transparent, wie es vielleicht sein sollte. Bei einer aktualisierbaren, nicht öffentlichen Liste können betroffene Technologieanbieter, Advertiser und Publisher nur begrenzt nachvollziehen, wann eine Domain aufgenommen wird, welche Kriterien dafür gelten und wann eine Sperre wieder aufgehoben wird.
Der Ad Exchanger hat übrigens zudem geprüft, ob auch Googles Werbeinfrastruktur von den neuen Regeln betroffen ist. Bei einem von The Trade Desk dokumentierten Test blieben Anfragen an Googles “ad.doubleclick.net” erreichbar, während TTD-Requests blockiert wurden. Bislang ist unklar, ob Google generell von Apples Regeln ausgenommen ist.
Privacy-Regeln stehen bereits unter Wettbewerbsbeobachtung
Der Fall schlägt verständlicherweise hohe Wellen in der Werbeindustrie. Auch kartellrechtlich ist Apples Umgang mit Tracking-Technologie kein neues Thema. Das Bundeskartellamt äußerte Anfang 2025 vorläufige Bedenken gegen Apples App Tracking Transparency Framework (ATT). Die Behörde sah die Möglichkeit, dass Apple strengere Anforderungen an Drittanbieter stellt als an eigene Dienste und dadurch andere App-Anbieter, Werbetreibende und technische Dienstleister benachteiligt. Das Verfahren wurde Mitte 2026 abgeschlossen, nachdem Apple verbindliche Änderungen zugesagt hatte. Unter anderem werden seitdem die Nutzerabfragen für Apple-eigene Angebote und Apps von Drittanbietern stärker angeglichen.
Dieser Prozess betrifft zwar nicht direkt die aktuellen Webkit-Sperren, könnte aber durchaus eine Marschrichtung in Sachen Privacy-Regeln aufzeigen. Safari 27 könnte für die Programmatic-Industrie also problematisch werden. Apple kann auf Browser-Ebene verhindern, dass bestimmte technische Anbieter überhaupt angesprochen werden. Der Mechanismus betrifft dabei offenbar nicht nur mobile Apple-Geräte, sondern auch Safari auf Laptops und PCs. Wie breit das Unternehmen diese Funktion einsetzen will und nach welchen Kriterien Domains auf der nicht öffentlichen Liste landen, ist immer noch nicht geklärt.
Tech Finder Unternehmen im Artikel
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