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CONNECTED TV

CTV im Blindflug – Was hinter dem Transparenz-Problem steckt

Elisa Schwuchow, 14. April 2026
Bild: Ryoji Iwata – Unsplash

Connected TV boomt. Budgets wachsen, Reichweiten steigen und der Kanal gilt als Premium-Umfeld im digitalen Werbemarkt. Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte verbirgt sich ein grundlegendes Problem: fehlende Transparenz. Ein Großteil der Werbetreibenden weiß schlicht nicht, in welchem inhaltlichen Umfeld ihre Werbung tatsächlich läuft.

95 Prozent ohne Kontext

Die Zahlen sind eindeutig: Unsere eigenen Analysen von Bidstream-Daten sowie Rückmeldungen von führenden DSPs und SSPs deuten darauf hin, dass weltweit über neunzig Prozent der CTV-Bid-Requests keine oder keine nutzbaren Content-Informationen – also weder Sendungstitel noch Genre oder andere kontextuelle Signale – enthalten.

Für Werbetreibende bedeutet das: Sie wissen zwar, dass ihre Kampagne beispielsweise auf einer großen Streaming-Plattform lief – aber nicht, ob der Spot in einem Krimi, einer Reality-Show oder einem Kinderformat ausgespielt wurde. Damit fehlt genau die Information, die im klassischen Fernsehen selbstverständlich war: der Kontext.

Bis zu fünfzig Prozent ineffizienter Spend

Diese Intransparenz hat direkte wirtschaftliche Konsequenzen. Branchenanalysen von Emarketer, Digiday und Adweek weisen darauf hin, dass ein signifikanter Anteil der CTV-Werbeausgaben nicht die gewünschte Zielgruppe erreicht oder in wenig geeigneten Kontexten ausgespielt wird. In einzelnen Schätzungen ist von 30 bis 50 Prozent die Rede.

Gleichzeitig bestätigt auch die Branche selbst das Problem: Bereits 2024 zeigte eine Umfrage des IAB, dass rund siebzig Prozent der Werbetreibenden die fehlende Transparenz im CTV als zentrales Hindernis bewerten. Auch Brancheninitiativen wie aktuelle Arbeitsgruppen im BVDW greifen das Thema auf – ein Zeichen dafür, dass der Handlungsdruck steigt, während konkrete Fortschritte bislang begrenzt bleiben.

Warum die Daten fehlen – und nicht zufällig

Die Ursachen für diese Lücke sind komplex, aber keineswegs überraschend:

  • Datenschutzbedenken: Detaillierte Inhaltsdaten könnten theoretisch Rückschlüsse auf individuelle Sehgewohnheiten ermöglichen. Viele Publisher agieren daher bewusst zurückhaltend.
  • Unvollständiges Inventory-Mapping: Oft übermitteln Publisher lediglich einfache IDs, die aufseiten der Plattformen mit Content-Daten angereichert werden müssten. Dieses Mapping ist jedoch häufig lückenhaft.
  • Technische Brüche durch SSAI: Bei serverseitiger Ausspielung gehen Metadaten verloren, wenn Systeme nicht sauber synchronisiert sind.
  • Restriktionen durch Plattformen: Gerätehersteller und Betriebssysteme begrenzen gezielt, welche Daten weitergegeben werden dürfen – nicht zuletzt aus eigenem Interesse.
  • Fehlende Standards: Ohne einheitliche Content-IDs bleibt selbst vorhandene Information schwer nutzbar.

Kurz gesagt: Das Problem ist kein Einzelfall, sondern systemisch.

Werbung wirkt nicht im luftleeren Raum. Kontext beeinflusst Aufmerksamkeit, Markenwahrnehmung und letztlich die Performance. Wenn Werbetreibende diesen Kontext nicht kennen, verlieren sie:

  • Kontrolle über ihre Markenumfelder
  • die Möglichkeit zur gezielten Optimierung
  • eine belastbare Grundlage für Investitionsentscheidungen

Das widerspricht dem eigentlichen Versprechen programmatischer Werbung: datenbasierte Steuerung.

Ein neuer Anspruch an CTV-Qualität

Die Diskussion um Transparenz im CTV ist mehr als eine operative Herausforderung – sie verändert die Anforderungen an den gesamten Markt. Werbetreibende werden sich künftig stärker damit auseinandersetzen müssen, in welchen inhaltlichen Umfeldern ihre Botschaften wirken – und nicht nur, auf welchen Plattformen sie ausgespielt werden.

Damit rückt eine Fähigkeit in den Fokus, die im programmatischen Ökosystem lange unterschätzt wurde: die systematische Erfassung, Strukturierung und Auswertung von Content-Kontexten. Gleichzeitig zeigt sich, dass klassische Planungs- und Targeting-Logiken dafür nur bedingt ausreichen. Es braucht neue Ansätze, die Kontext nicht als Nebenprodukt, sondern als zentrale Entscheidungsgrundlage begreifen.

Vom Inventar zum Umfeldverständnis

In einem Markt, in dem ein Großteil der verfügbaren Daten unvollständig ist, entsteht ein neues Differenzierungsmerkmal: die Fähigkeit, fehlende Informationen intelligent zu ergänzen und nutzbar zu machen.

Das bedeutet konkret:

  • Inhalte granular verstehen, statt nur Inventar zu buchen
  • Kontext systematisch in Kampagnenentscheidungen einbeziehen
  • Qualität nicht nur über Reichweite, sondern über Umfeld bewerten

Wer diese Perspektive einnimmt, verschiebt den Fokus von reiner Auslieferung hin zu tatsächlicher Werbewirkung.

Fazit

CTV bleibt ein Wachstumsmarkt – aber einer, der sich gerade neu sortiert. Die aktuelle Intransparenz ist nicht nur ein Problem, sondern auch ein Signal: Die bisherigen Mechaniken greifen zu kurz.

Die nächste Entwicklungsstufe im CTV wird nicht allein durch mehr Reichweite oder bessere IDs definiert, sondern durch ein tieferes Verständnis von Inhalten und Nutzungssituationen.

Kontext wird damit vom „Nice-to-have“ zur zentralen Währung. Und genau darin liegt die Chance für einen Markt, der noch dabei ist, seine eigenen Standards zu definieren.

Tech Finder Unternehmen im Artikel

Bild Elisa Schwuchow Über den Autor/die Autorin:

Elisa Schwuchow is Co-Founder of SceneContext, an AI-powered platform for contextual targeting in CTV and video advertising. With 15+ years in media and AdTech, she previously led international growth at Smaato (now Verve) and built TV partnerships at games publisher Bigpoint.

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