Manchmal hilft ein Perspektivwechsel. Wir reden seit Jahren darüber, dass Retail Media wächst, sich professionalisiert und noch enormes Potenzial vor sich hat. Das stimmt. Die Herausforderung liegt jetzt darin, den Hype in belastbare Marktstandards und integrierte Lösungen zu übersetzen. Denn Retail Media ist heute weit mehr als eine taktische Maßnahme oder eine Performance-Verlängerung für einzelne Kampagnen. Richtig aufgesetzt verbindet es Onsite-, Offsite- und Instore-Touchpoints mit Datenaktivierung und belastbarer Messung entlang des gesamten Funnels. Genau darin liegt seine strategische Stärke und der Grund, warum die Disziplin jetzt ein neues Standing im Mediamix braucht. Und welches Potenzial im Markt steckt, belegen die Zahlen: So flossen laut WARC-Report im Jahr 2024 weltweit 154,8 Milliarden US-Dollar in Retail Media – und damit erstmals mehr als in klassische TV-Werbung.
Retail Media ist stark im Omnichannel und Full-Funnel
Retail Media ist mehr als eine operative Ergänzung im Mediamix. Die Disziplin kann Sichtbarkeit schaffen, Aktivierung auslösen und konkrete Kaufentscheidungen beeinflussen. Ihre volle Stärke entfaltet sie dann, wenn sie nicht in Einzellösungen gedacht wird, sondern als vernetztes System: Onsite auf den Handelsplattformen, Offsite zur Verlängerung von Reichweite und Zielgruppenansprache, Instore am physischen Point of Sale sowie Datenaktivierung und Reporting aus einem Guss. Genau diese Verzahnung macht Retail Media heute zu einem echten Omnichannel- und Full-Funnel-Instrument.
Gerade in Omnichannel-Umfeldern zeigt sich diese Stärke besonders deutlich: Kaufentscheidungen beginnen digital, werden vorbereitet, verglichen und häufig erst am Point of Sale abgeschlossen. Retail Media macht diese Dynamik sichtbar und vor allem belegbar. Wenn wir über die nächste Entwicklungsstufe sprechen, darf es deshalb nicht nur um Reichweite oder neue Formate gehen. Entscheidend ist, welchen Stellenwert Retail Media in der Gesamtlogik von Marken, Händlern und Agenturen einnimmt.
Relevanz ist der eigentliche Maßstab
Wie stark Retail Media auf Relevanz einzahlen kann, zeigt ein einfaches Beispiel. Wenn ich mir heute ein iPhone kaufe und in den darauffolgenden Wochen weiterhin Werbung für genau dieses Modell ausgespielt bekomme, ist das aus Sicht der Nutzer:innen wenig sinnvoll. Werbung sollte sich an realen Bedürfnissen orientieren – und an der Situation, in der sich Menschen gegenwärtig befinden. Relevanz ist dabei nicht nur eine Frage besserer Aussteuerung. Sie ist auch messbar. Genau hier unterscheidet sich Retail Media von vielen anderen Kanälen: Retail Media ist nah an realen Kaufprozessen und kann Botschaften in einem Kontext platzieren, der für Konsument:innen tatsächlich relevant ist. Doch Relevanz entsteht nicht durch Daten allein. Sie entsteht dann, wenn Daten sinnvoll aktiviert, Touchpoints klug verbunden und Systeme so aufgesetzt werden, dass aus einzelnen Kontakten ein stimmiges Ganzes wird. Darin liegt das Potenzial der nächsten Reifestufe.
Gleichzeitig sehe ich hier einen der größten Vorteile von Retail Media: die Nähe zur Transaktion. Sie macht Closed-Loop-Measurement zu einem zentralen Argument für die weitere Entwicklung der Disziplin. Wenn sich Werbekontakte mit Kaufimpulsen und Abverkaufsdaten verknüpfen lassen, entstehen Wirkungsnachweise, die weit über klassische Reichweiten- oder Klicklogiken hinausgehen. Für Marken und Agenturen ist das mehr als ein Reporting-Vorteil – es schafft die Grundlage für belastbare Investitionsentscheidungen und langfristiges Vertrauen in den Kanal.
Die nächste Phase entscheidet sich in der Integration
Wer Retail Media heute noch als einzelnen Kampagnenkanal betrachtet, nutzt nur einen Teil seines Potenzials. Die volle Wirkung entsteht erst, wenn Onsite, Offsite, Instore, Datenaktivierung, Reporting und Closed-Loop-Measurement ineinandergreifen. Daher ist mein Appell an alle Marketing-Expert:innen: Retail Media nicht als Summe einzelner Formate denken, sondern als integriertes Omnichannel- und Full-Funnel-System, das sich in bestehende Marketing-, Media- und Planungslogiken einfügt. Retail Media muss noch stärker an Markenführung, Jahresplanung, Performance-Logiken und Wirkungsbewertung anschlussfähig werden – als strategischer Bestandteil moderner Mediaplanung.
Europa muss seinen eigenen Weg gehen
In vielen Debatten geht der Blick zunächst in die USA – und das aus gutem Grund. Dort hat Retail Media früh Skalierung, Aufmerksamkeit und Investitionen auf sich gezogen. In Europa dagegen investieren viele Advertiser noch immer deutlich zurückhaltender und schöpfen die vorhandenen Potenziale nicht aus. Hier sehe ich die größten Wachstumshemmnisse der Disziplin – aber auch ihre Chancen. Denn wer Retail Media in Europa jetzt konsequenter integriert, standardisiert und messbar macht, kann nicht nur Anschluss herstellen, sondern eigene Marktstandards prägen.
Europa wird aber nicht erfolgreich sein, wenn es amerikanische Plattformlogiken einfach kopiert. Der Markt ist fragmentierter, regulatorisch anspruchsvoller und in seinen Handelsrealitäten vielfältiger. Deshalb braucht es Lösungen, die datensouverän gedacht sind, partnerschaftlich funktionieren und über Märkte hinweg anschlussfähig bleiben.
Standards und Messbarkeit entscheiden über die Reife
Je relevanter Retail Media wird, desto größer wird auch der Anspruch an methodische und operative Qualität. Marken und Agenturen erwarten Transparenz. Sie müssen verstehen können, wie Wirkung zustande kommt, wie sie bewertet wird und wie Retail Media in bestehende Planungs- und Reportinglogiken einzuordnen ist. Die Aufgaben des Marktes liegen auf der Hand: Mit dem Wachstum von Retail Media steigt auch der Bedarf an gemeinsamen Begriffen, klaren KPIs und verlässlichen Logiken in Buchung, Bewertung und Wirkungsmessung.
Standards entstehen allerdings nicht von selbst – sie müssen aktiv entwickelt und im Markt verankert werden. Deshalb bringen wir uns auch in relevanten Brancheninitiativen ein, etwa im BVDW Retail Media Circle. Dort geht es unter anderem darum, den BVDW Retail Media Guide weiterzuentwickeln und mit internationalen Initiativen wie den IAB Guidelines for Incremental Measurement in Commerce Media anschlussfähig zu bleiben. Besonders in einem fragmentierten europäischen Markt braucht Retail Media solche gemeinsamen Bezugspunkte, um Vertrauen aufzubauen, Wirkung vergleichbar zu machen und Investitionen nachhaltig zu erleichtern.
Nach dem Hype beginnt die Reifephase
In Europa entscheidet sich jetzt, ob Retail Media sein Potenzial tatsächlich entfalten kann. Solange Advertiser im Vergleich zu den USA zurückhaltender investieren, bleibt Wachstum hinter seinen Möglichkeiten zurück. Umso wichtiger ist es, die Disziplin nicht länger als Experimentierfeld zu behandeln, sondern als integrierten, messbaren und standardisierbaren Bestandteil moderner Marken- und Mediastrategien.
Die Aufmerksamkeit für Retail Media war wichtig. Sie hat Budgets bewegt und einer Disziplin Sichtbarkeit gegeben, die lange unterschätzt wurde. Jetzt geht es darum, daraus belastbare Strukturen zu machen. Jetzt entscheidet sich, ob Retail Media den nächsten Entwicklungsschritt wirklich gehen kann. Der Hype war wichtig. Aber für die Zukunft braucht Retail Media vor allem: mehr Verbindlichkeit, mehr Vergleichbarkeit und mehr Reife.