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„Scan Dich glücklich“: Mobiler Eingriff in den Kaufprozess

Von Christina Rose, 9. Dezember 2011

Per Smartphone emanzipieren sich Käufer zunehmend. Indem sie Barcodes von Produkten scannen und so eine Fülle Informationen direkt am Point of Sale bekommen, können sie Produkte verschiedener Hersteller schnell und bequem online vergleichen. Kunden können so Informationen beispielsweise zu Inhaltsstoffen, Nährwerten, Herkunft, Preisen sowie unabhängige Testberichte oder die Meinung anderer Käufer einholen, was die Kaufentscheidung entscheidend beeinflussen kann. Das Berliner Start-up Barcoo ist Anfang 2009 mit dem Ziel gestartet, Kern-Informationen zu Produkten zusammenzufassen und überall dort anzubieten, wo sie benötigt werden. Im Adzine-Interview erklärt Gründer Benjamin Thym das Barcoo-Modell und spricht über Perspektiven im Mobilmarkt.

Adzine: Herr Thym, erklären Sie bitte das Geschäftsmodell von Barcoo.

Benjamin Thym: Unser Ziel ist es, aus Nutzerperspektive für Transparenz in allen Dimensionen zu sorgen, beim Einkauf und in der After-Sales-Phase. Dazu wollen wir alle Informationen zur Verfügung stellen, die für den Konsumenten wichtig sind: Preisvergleich mit lokalen Einzelhändlern, Testberichte, Nutzerkommentare, Ökoinformationen über den Hersteller und Gesundheitsinformationen, beispielsweise über die Lebensmittelampel. Der Kunde soll am POS mit unserer Anwendung über das Smartphone immer mehr und immer bessere Informationen bekommen.

Adzine: Kann man denn damit Geld verdienen - wie refinanzieren Sie überhaupt Ihr Angebot?

Thym: Mit über vier Millionen Installationen in Deutschland, wovon 40 Prozent aktiv genutzt werden, sind wir mit großem Abstand die führende, rein mobile Brand in diesem Bereich. Wir setzen auf große Reichweite, deshalb ist die App kostenlos. Wir refinanzieren das Angebot indirekt durch Werbung. Hersteller können bei den eigenen Produkten eigene Informationen platzieren, klar gekennzeichnet mit „W“ für Werbung. Als spannende Variante bieten wir auch Guerilla-Targeting, d. h., die Hersteller können ihre Infos bei Konkurrenzprodukten platzieren. Philadelphia mit Milka macht das beispielsweise bei Nutella-Scans bei Barcoo, weil sie dort genau ihre Zielgruppe erreichen. Darüber hinaus haben wir auch Unternehmen wie Chio Chips, Microsoft, Master Card, Danone, Gerolsteiner, Nivea, Elmex, Tassimo, Bionade und Tchibo als Werbekunden.

Nutella gescannt und die Barcoo App empfiehlt eine leichtere Variante eines Wettbewerbers, Quelle: barcoo

Adzine: Woher beziehen Sie Ihre Inhalte?** Für Testberichte haben wir neben Stiftung Warentest noch 320 weitere Fachmagazine an Bord. Außerdem beziehen wir Inhalte von über 50 verschiedenen Quellen, darunter Preisvergleiche wie Billiger.de, Schottenland.de oder Shopping.com. Auch manche Händler wie Schlecker oder Spar in Österreich bieten Preisinformationen. Auf der anderen Seite kommen Inhalte von den Nutzern selber. Bei „high involvement goods“, wie Elektronik, hat der Konsument schon gelernt, sich vor dem Kauf im Internet Meinungen anderer Nutzer einzuholen. Bei sogenannten „low involvement goods“ dagegen ist ein solches Verhalten neu. Doch auch Hautcreme-Käufer wollen wissen, wie andere Konsumenten ihre Hautcreme bewerten. Diese Inhalte bezieht Barcoo aus seiner Community. Ansonsten werden Inhaltsquellen nach Bedarf bemüht – je nachdem, ob Informationen auf Produktebene, Herstellerebene oder Kategorieebene gefragt sind. Wir haben Greenpeace, WWF und verschiedene kleinere Organisationen eingebunden, Fairtrade, Verbraucherzentralen oder neuerdings auch Angebote wie Laktonaut.de, eine Produktsuchmaschine zum Thema Laktoseintoleranz.

Adzine: Wie verarbeiten Sie diese Inhalte?

Thym: Wir greifen einerseits über Schnittstellen automatisiert auf diese Inhalte zu. Andererseits haben wir auch eine eigene Redaktion, die solche Inhalte ortet und bei uns einstellt, wenn der Partner beispielsweise keine explizite Schnittstelle hat.

Adzine: Haben Sie Wettbewerber?

Thym: Das sind zum einen klassische Preisvergleichsseiten, die auch mobil aktiv sind. Oder Amazon, die auch in ihre mobilen Apps Barcodescanner integriert haben. Daneben gibt es noch andere Anbieter von Lebensmittelinformationen, wie Das-ist-drin.de. Letztlich konkurrieren wir auch mit Google, die starke mobile Ambitionen haben und in die Produktsuche viel investieren.

Adzine: Sie haben eben schon erwähnt, dass auch Nutzerinhalte eine wichtige Rolle spielen. Welchen Stellenwert hat Social Media in Ihrem Geschäftsmodell?

Thym: An den Klickraten sehen wir, dass Social-Media-Funktionen und –Angebote den Nutzern wichtig sind. Wir werden in diesem Bereich aber die Qualität auch noch erhöhen müssen und es so steuern, dass wir fein trennen nach Produktkategorien und die Nutzer gezielt nach ihren Bewertungen befragen. Werden beispielsweise saure Gurken gescannt, könnten wir gezielt fragen, wie knackig diese Gurken sind. So bekommen die Kommentare noch mehr Empfehlungscharakter. Aber nicht nur Kommentare liefern Input. Die Lebensmittelampel beispielsweise gab es vorher gar nicht. Unsere Nutzer geben mobil diese Nährwerte ein. Inzwischen sind es schon über 750.000 Nährwerte. Damit haben sich die Konsumenten selber eine riesige Nährwertdatenbank geschaffen. Das ist Crowdsourcing par excellence. Die Rolle der Crowd soll in Zukunft noch wachsen.

Adzine: Was motiviert Nutzer, selber Werte einzugeben?

Thym: Um Nutzer zu motivieren, Input zu liefern, halten wir die Hürden so gering wie möglich, beispielsweise gibt es keine Registrierungspflicht. Zudem versuchen wir, optimale Usability zu bieten. Ich habe als User selber erst den Benefit, wenn ich die Werte eingegeben habe, weil ich dann erst die Lebensmittelampel sehe.

Adzine: Über welche Betriebssysteme wird Ihre App genutzt?

Thym: Die meisten nutzen Barcoo über iOS (57 Prozent der Nutzer), gefolgt von Android (30 Prozent). Über die mobile Webseite kommen noch sieben Prozent, über Samsungs Bada 3,5 Prozent und über Sonstige zwei Prozent der Nutzer. Im ersten Quartal 2012 werden sich die Verhältnisse wahrscheinlich ändern.

Adzine: Für Smartphones mit Windows Phone 7 Betriebssystem gibt es noch keine App von Barcoo?

Thym: Sollte der Marktanteil von Windows Phone steigen, werden wir es auch unterstützen. Wir hatten in der Vergangenheit die Ambition, jede Plattform unterstützen zu wollen. Viele hatten aber nicht die nachhaltige Nutzungsintensität, sodass wir uns fokussiert haben. Für uns rechnen sich Systeme mit einem Marktanteil ab etwa 2,5 Prozent.

Adzine: Bei welchen Warengruppen lohnt sich die Barcoo App bzw. wo sehen Sie noch Potenzial?

Thym: Ausbaupotenzial gibt es eigentlich noch bei allen Warengruppen. Wir konzentrieren uns auf Fast Moving Consumer Goods (Lebensmittel, Getränke, Drogerieartikel). Medien und Elektronik scannen wir auch, wenn auch in geringerem Umfang, weil man auch nicht täglich mit neuen Elektronikprodukten in Kontakt kommt. Bei Medien, insbesondere bei Büchern, wollen wir künftig das Angebot ausbauen in Richtung Kommentare. Denkbar wären E-Book-Reviews, Trailer bei DVDs etc. Der Schwerpunkt liegt aber auch künftig im FMCG-Bereich.

Adzine: Welche Themen werden in diesem Bereich wichtig?

Thym: Wir werden in Zukunft noch stärker auf das Thema Rückverfolgbarkeit setzen und weitere Hintergrundinformationen liefern. Die Weisheit der Massen werden wir noch zielgerichteter als in der Vergangenheit nutzen, anderen Usern zur Verfügung stellen und schnell auf Themen reagieren. Beim Thema dioxinverseuchte Eier hatten wir auch nur ein paar Stunden um zu reagieren.

Adzine: Wie wird sich nach Ihrer Ansicht der M-Commerce entwickeln?

Thym: Wir beobachten, dass M-Commerce vielerorts noch ein Phantom ist. Wenn ich einen Onlineshop hätte, würde ich nicht drauf bauen. Es gibt sicherlich größere Hebel, an die man ansetzen kann, als das mobile Shopping – zumindest in Bezug auf die Transaktion. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der mobile Kauf von nicht digitalen Gütern in Deutschland ein schwieriger Markt ist und dies auch auf absehbare Zeit so bleiben wird, wenn man nicht gerade Amazon oder Ebay heißt.

Adzine: Wie wird sich nach Ihrer Einschätzung der Markt für Location based Services entwickeln?

Benjamin Tym

Thym: LBS ist ein Wachstumsmarkt. Rückschläge und Justierungen wird es auch in Zukunft geben. Dass Facebook seine Local Deals eingestellt hat, zeigt, dass dieser Markt noch einiges an Überraschungen birgt. In einem Jahr wird es Apps geben, an die heute noch niemand denkt. Foursquare macht derzeit auch eine interessante Entwicklung durch und beweist, dass es nicht nur für die Nutzer relevant ist, die diesen Dienst per Check-in schon nutzen. Basierend auf diesem Check-in können wiederum Social Recommendations ausgegeben werden für Nutzer, die keine aktiven Foursquare-Einchecker sind. D.h. Foursquare geht von Mobile to Web. Basierend auf der Anzahl der Check-ins sucht man sich die angesagteste Bar in Berlin o.Ä. Um davon zu profitieren, muss ich kein Foursquare-User sein. Foursquare erschließt sich so neue Nutzungsschichten unabhängig von den Leuten, die den Check-in machen. Das kann für jemanden wie Qype auf längere Sicht lebensbedrohlich sein. Mobile hat somit das Potenzial, Dienste zu bedrohen, die im Web angesiedelt sind und nicht in diese Richtung denken. Es bleibt spannend.

Adzine: Herr Thym, wir danken für das Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg.

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