Drei Tage lang, vom 27. bis 29. April, verwandelte die Possible 2026 Miami Beach erneut in den Mittelpunkt der globalen Plattform-, Medien-, Marketing- und Adtech-Industrie. In nur vier Jahren hat sich das Event zu einem der relevantesten Branchentreffen entwickelt. Über 7.500 Teilnehmende, wachsende internationale Präsenz und eine live auf der Bühne verkündete Expansion nach Europa. Wer hierherkam, setzte ein Signal. Wer fehlte, fiel auf. CEOs wie Jeff Green von The Trade Desk, David Kostman von Teads, Adam Singolda von Taboola oder Brian O’Kelley von Scope3 waren persönlich vor Ort. Adzine war als exklusiver deutscher Medienpartner dabei – ein Kommentar.
Christian Muche ist Co-Founder und Global President der Possible. Als Mitgründer und langjähriger Architekt der Dmexco hat der Düsseldorfer eine der international bedeutendsten Plattformen der Marketing- und Digitalbranche mitaufgebaut. Vor knapp 20 Jahren zog er mit seiner Familie nach Neuseeland, sein Sohn war damals zwei Jahre alt. Schon damals steuerte Muche große Teile der Dmexco von dort aus.
Dass heute ausgerechnet ein Deutscher in Miami Beach eine der dynamischsten neuen Plattformen der Branche formt, ist mehr als eine Randnotiz. Ähnlich wie die Messe Art Basel Miami Beach einst den internationalen Kunstmarkt veränderte, entsteht dort gerade ein neuer Gravitationspunkt für Plattformen, Medien, Marketing und Adtech.
Warum Miami funktioniert
Die Possible bespielte das Herz von Miami Beach: die Collins Avenue in Mid Beach, zwischen Fontainebleau und Eden Roc, mit direktem Zugang zum Strand. Beide Hotels waren nahezu vollständig von der Veranstaltung übernommen worden. Für das Eden Roc sprach Muche von einem Buy-out mit Investitionen in Millionenhöhe. „Wir wollten nie ein weiteres Ballroom-Event schaffen“, sagte Muche. „Die Leute sollen sich hier begegnen. Business entsteht nicht nur auf Bühnen, sondern dazwischen.“
Keine anonymen Messehallen, keine kilometerlangen Wege, keine sterile Kongressatmosphäre, sondern kurze Distanzen, Pools, Strand, Cabana-Meetings und Networking zwischen Hotelfluren und Terrassen prägten das Gelände. So entstand eine Dichte, die viele große Branchenveranstaltungen längst verloren haben. Rund 170 Side Events liefen parallel zum offiziellen Programm. Main Event und Nebenschauplätze funktionierten nahezu gleichwertig nebeneinander.
Marius Rausch, Global Head of Microsoft Monetize, beschrieb die Woche rückblickend als Mischung aus Marktdebatte, Kundenterminen, spontanen Gesprächen und permanentem Networking. Für ihn habe sich die Possible als Fixpunkt für die US-Advertising- und Adtech-Welt klar etabliert, überaus produktiv und mit einer starken Business-Orientierung.
Die Preise spiegelten den Anspruch des Formats. Ein regulärer Premium Pass kostete 2.998 US-Dollar. Vergünstigte Modelle gab es unter anderem für Brand Marketer, Start-ups und sogenannte Rising Talents, erklärte Leah Steinhardt, VP Marketing der Possible.
Wer sich dort bewegt
Das Konferenzformat zog zunehmend Executives an, die sehr genau entscheiden, bei welchen Veranstaltungen sie persönlich präsent sind. Wer zur Possible 2026 kam, kam bewusst. Teads war von Anfang an dabei. Lange fehlte allerdings CEO David Kostman, der zu jener Gruppe internationaler Top-Executives gehört, die genau auswählen, wo sie auftreten und welche Formate sie besuchen. 2026 kam er persönlich, gemeinsam mit weiteren C-Level-Executives, darunter auch die neue CMO Dani Cushion, sowie einer Cabana, die direkt in einen der Pools des Fontainebleau gebaut worden war.
Kostman formulierte, warum die Possible für viele internationale Entscheider:innen inzwischen relevant geworden ist: „This is where business happens. You sit together with sales teams, technology partners, and you have real conversations. That’s fantastic.“ Zum Format sagte er: „Cannes is about creativity, relationships and spectacle. Dmexco is much more focused on efficiency and business. Possible currently brings both worlds together.“ Dass die Possible in den USA beheimatet ist, mache sie naturgemäß stärker auf die dortige Industrie ausgerichtet. Umso mehr habe ihn die Zahl internationaler Partner überrascht, die er in Miami Beach angetroffen habe.
Neben dem Format-Vergleich sprach Kostman über einen weiteren Unterschied: Regulierung wird in den USA philosophisch anders angegangen als in Europa. Vieles werde dort zunächst durch Marktmechanismen gelöst, bevor Regulierer eingreifen. Gleichzeitig adressiere inzwischen auch die USA Consumer Privacy zunehmend regulatorisch. Seine größere These lautete: Die Industrie bewegt sich weg von fragmentierten Einzellösungen hin zu Plattformen, die die gesamte Customer Journey orchestrieren. Für Marken bedeute das, Abhängigkeiten von großen Walled Gardens zu diversifizieren, gerade in Wachstumsbereichen wie CTV und Retail Media.
Wer das Feld bestellt
Das Gelände füllten Plattformen, Adtech-Unternehmen, Agenturen und Publisher aus aller Welt. Google ist Founding Partner, Pinterest und Salesforce zählen zu den Platinum Partnern. BCG, Gum Gum, Magnite, Ogury, Criteo, Nexxen, Openx, Teads, Gameloft, Pubmatic, Tiktok, Walmart Connect, WPP Media und Yahoo gehörten längst zum festen Bild der Possible.
Netzwerke wie The Female Quotient und She Runs It prägten die Veranstaltung mit einer Selbstverständlichkeit, die man in Deutschland kaum kennt. The Female Quotient, von Shelley Zalis in Los Angeles gegründet, steht für eine Form professioneller Frauennetzwerke, die in den USA deutlich stärker industrieübergreifend arbeitet und sichtbar Einfluss auf Besetzungen, Bühnen und Deals nimmt. She Runs It verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Beide Formate waren keine Randerscheinung, sondern Teil des sichtbaren Kerns der Veranstaltung.
Internationale Netzwerke und neue Allianzen
Axel Springer nutzte die Possible für internationale Netzwerkpflege. Christoph Eck-Schmidt, Chief Commercial & Chief Marketing Officer, führte dort Gespräche mit internationalen Plattform-, Medien- und Technologiepartnern. Michael Monheim, Strategic Advisor ASV, bezeichnete die Possible im Nachgang der Veranstaltung als eine der „most exciting global platforms“ der Branche. Muche kommentierte trocken: „Die verstehen ihr Geschäft.“
Siamac Rahnavard erlebte diese internationale Mischung seit Jahren aus nächster Nähe. Der Kölner, Managing Director von Revo/Love, ist Ambassador des Events, baut den Zugang zum deutschsprachigen Markt weiter aus und möchte DACH-Entscheider:innen für die Possible 2027 begeistern. Rahnavard war bereits zum vierten Mal dabei. „Früher war das deutlich amerikanischer“, sagte er. Heute trifft man dort Menschen aus Indien, Israel, Kanada, Lateinamerika oder Spanien. Anders als bei vielen europäischen Formaten begegnete man dort vor allem neuen Gesichtern, nicht immer denselben. „Man kommt hier extrem schnell mit Leuten ins Gespräch, selbst wenn man sich einfach nur einen Kaffee holt. Die Hierarchien wirken offener, die internationalen Perspektiven sind viel präsenter.“ Klassische Agenturmodelle sieht er unter Druck: „Die Zeiten, wo Supertanker den Ton angegeben haben, sind vorbei.“
Wer Wertschöpfung künftig kontrolliert
Die öffentliche AI-Euphorie war vor Ort deutlich weniger zu spüren als erwartet. Diskutiert wurde über Infrastruktur, Signalqualität, Publishermodelle und die Zukunft des Open Internet. Was passiert, wenn AI-Antworten den Klick ersetzen? Microsoft Monetize stellte einen Marktplatz für Publisher vor, der Inhalte fair vergüten soll, anstatt sie über die Robots.txt zu blockieren. „Es gibt derzeit eine deutliche Lücke zwischen AI-Rhetorik und AI-Realität in den Marketing-Stacks vieler Kunden“, sagte Marius Rausch. „AI läuft oft noch als Add-on, nicht als echter Ersatz.“
Entscheidend sei vielmehr die Frage, wohin sich Wertschöpfung künftig verschiebt: zwischen Plattformökosystemen, CTV, Retail Media und neuen AI-Strukturen. „Sie wandert dorthin, wo AI, Daten, Distribution, Entscheidungslogik und Infrastruktur tatsächlich zusammenkommen“, sagte Rausch. Betroffen sind sowohl große Plattformen als auch transparente Infrastrukturpartner. Klassische Agenturmodelle geraten dadurch zunehmend unter Druck. Auch CTV entwickele sich weiter und werde vom reinen Branding-Kanal zunehmend zu performanceorientierten Modellen mit Attribution und Commerce-Verknüpfung.
Zu den präsentesten Stimmen der Veranstaltung gehörte erneut Shelly Palmer. Der CEO von The Palmer Group und Professor of Advanced Media in Residence an der Syracuse University zählt in den USA seit Jahren zu den einflussreichsten Kommentatoren rund um Technologie, Medien und AI. Im Sparkle Ballroom des Fontainebleau sprach Palmer über „Agents, Agency, and Your Agentic 2026“. Im Gespräch mit Adzine ging es um die Frage, wann Menschen aufhören werden, AI zu bekämpfen, und sie einfach annehmen. Seine Antwort: „Es ist nur eine Frage von wann, nicht wie, nicht wenn.“ Beim von Teads gesponserten Fight Club trat Palmer gegen Ryan Detert, CEO der Creator-Marketing-Plattform Influential, an. Detert gewann.
Warum plötzlich alle über „Intention“ sprechen
Kaum ein Begriff fiel auf der Possible häufiger als „Intention“. Pinterest trieb das Thema besonders offensiv voran. Claudine Cheever, seit wenigen Monaten CMO der Plattform und zuvor rund zehn Jahre bei Amazon, positionierte Pinterest bewusst als Gegenmodell zu klassischen Social-Media-Plattformen. Parallel dazu startete Pinterest eine neue Brandkampagne, mit der die Plattform diese Differenzierung sichtbarer machen wollte.
„Wir glauben an eine ,Intention Economy‘“, sagte Cheever. Menschen scrollten auf Pinterest langsamer, suchten gezielter und hinterließen dadurch deutlich stärkere Signale. 96 Prozent der Suchanfragen seien “unbranded”. Es gehe nicht darum, möglichst viel Bildschirmzeit zu erzeugen, sondern Menschen in echten Entscheidungs- und Inspirationsmomenten zu erreichen. „Agenten haben keine Intention“, sagte Cheever. Entscheidend seien Wünsche, Interessen und reale Entscheidungen.
Die nächste Codierung: Lissabon?
Christian Muche kündigte in Miami Beach an, dass die Possible 2027 erstmals nach Europa expandieren wird, nach Lissabon. Gleichzeitig ist Europa längst dicht besetzt. Cannes Lions, die Dmexco, Mobile World Congress in Barcelona, SXSW London, die IBC in Amsterdam oder auch die OMR konkurrieren um Aufmerksamkeit, Budgets und internationale Entscheider:innen.
Ob dieses Modell auch in Europa funktioniert, dürfte eine der spannendsten Fragen der kommenden Jahre werden – zweifellos für die hiesige Konkurrenz. Die Voraussetzungen dafür hatte Muche bereits geschaffen. Die frühe Übernahme durch die Hyve Group nach nur zwei Jahren zeigte, wie groß das internationale Potenzial der Possible bereits damals war. Dass Christian Muche Miami Beach für die globale Plattform-, Medien- und Kreativindustrie neu codiert hat, ist eine bemerkenswerte unternehmerische Leistung. Chapeau!
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