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KI

250 neue Unicorns: KI treibt die neue Milliardenwelle, auch im Marketing

Anton Priebe, 10. September 2026
Bild: June Gathercole – Unsplash

Milliardenbewertungen für Startups sind anscheinend wieder en vogue. Bis Mitte August haben laut dem US-Datenanbieter Crunchbase bereits 250 Unternehmen erstmals eine Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 gab es gerade einmal 193 “Einhörner”. Weniger überraschend ist der Treiber dieser Entwicklung. Insbesondere Künstliche Intelligenz zieht viel Kapital an, und das inzwischen auch in Bereichen, die unmittelbar ins Marketing reichen.

Schon in der ersten Jahreshälfte kamen laut “The Crunchbase Unicorn Board” 195 neue Unicorns hinzu. Zu den prominenten Gruppen gehören KI-Labs, Robotik, KI-Infrastruktur und Anbieter, die KI in konkrete Anwendungen überführen. Wie stark die Entwicklung teilweise ausfällt, zeigt der April: 26 der 28 neu aufgenommenen Unternehmen ordnete Crunchbase als “KI-bezogen” ein.

Ein Unicorn-Status allein sagt allerdings zunächst wenig über Umsatz oder Profitabilität aus. Crunchbase nimmt private Unternehmen auf, sobald sie im Rahmen einer bepreisten Finanzierungsrunde mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden. Die Zahlen zeigen also in erster Linie, wo Investoren derzeit großes Wachstum erwarten.

Sichtbarkeit in KI-Antworten wird zum Geschäftsmodell

Für die Advertising- und Marketingbranche ist Profound einer der interessantesten Neuzugänge im Milliardenclub. Das New Yorker Unternehmen misst, wie Marken in Antworten von ChatGPT, Gemini, Perplexity und anderen KI-Diensten erscheinen. Im Februar nahm Profound laut des US-Magazins Fortune 96 Millionen Dollar auf und erreichte damit eine Bewertung von einer Milliarde Dollar.

Das Geschäftsmodell baut auf einer Entwicklung auf, die Marken und Agenturen nicht unbekannt sein sollte. Produktsuche und Recherche wandern zunehmend in KI-Assistenten, wodurch klassische Rankings an Aussagekraft verlieren und Pfade schwerer messbar werden. Profound versucht deshalb, zu erfassen, ob Marken in KI-Antworten vorkommen, in welchem Kontext sie genannt werden und welche Quellen die Systeme dafür heranziehen.

Inzwischen geht das Unternehmen über Measurement hinaus und bietet auch Agenten für Content- und Optimierungsaufgaben an. Rund um AI Search und Generative Engine Optimization entsteht damit ein eigenes Technologieumfeld, dessen Wirkung allerdings noch schwieriger zu messen ist als die der klassischen Suche.

Milliarden für KI-Kreation

Noch größere Summen zieht Higgsfield an. Der kalifornische Anbieter für KI-basierte Bild- und Videoproduktion erreichte Anfang des Jahres ebenfalls erstmals Unicorn-Status. Im August folgte eine Finanzierungsrunde über 400 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 5,4 Milliarden Dollar.

Higgsfield richtet Teile seines Angebots ausdrücklich an Marketing- und Kreativteams. Mit der eigenen Software lassen sich unter anderem Anzeigen, Produktmotive und UGC-ähnliche Inhalte automatisiert produzieren. Marken können dafür beispielsweise Produktbilder oder Websites als Ausgangsmaterial verwenden.

Für Agenturen und Werbetreibende liegt der Nutzen in der Geschwindigkeit und der Zahl möglicher Varianten. Ob diese Creatives auch bessere Kampagnenergebnisse liefern, lässt sich aus der Bewertung natürlich nicht ableiten. Die 5,4 Milliarden Dollar zeigen aber, wie hoch Investoren das Potenzial automatisierter Content-Produktion derzeit einschätzen.

Wird Marktforschung synthetisch?

Einen anderen Teil des Marketingprozesses nimmt das ebenfalls in Kalifornien ansässige Simile ins Visier. Das Unternehmen entwickelt synthetische Nutzer, die unter anderem für Produkt- und Marktforschung eingesetzt werden können. Ende Juli sammelte Simile 200 Millionen Dollar ein und wurde dabei mit zwei Milliarden Dollar bewertet.

Unternehmen können solche simulierten Personen beispielsweise mit Produkten, Konzepten oder Fragestellungen konfrontieren, bevor sie reale Zielgruppen befragen. Das verspricht schnelle Tests in großer Zahl. Methodisch bleibt der Ansatz heikel, denn wie zuverlässig sich menschliches Verhalten durch synthetische Nutzer abbilden lässt, ist offen. Dies zumindest stellte das US-Medium Tech Crunch ausdrücklich beim Melden der Finanzierungsrunde heraus.

Marketing-KI zieht das Kapital an

Profound, Higgsfield und Simile stehen für unterschiedliche Teile der Marketingkette, zeigen jedoch in dieselbe Richtung. Kapital fließt derzeit in Technologien für KI-Sichtbarkeit, kreative Produktion, Research und automatisierte Marketingprozesse. Die drei Beispiele stammen zwar allesamt aus den USA, aber Deutschland hat 2026 ebenfalls mehrere neue Einhörner hervorgebracht – wenn auch nicht aus dem Marketing-Sektor. Dazu zählen zum Beispiel Neura Robotics (Robotik), Proxima Fusion (Kernenergie), Osapiens (ESG-/Compliance-Software) und zuletzt Moss (Fintech).

Crunchbase hatte bereits im Frühjahr festgestellt, dass ein Großteil des Venture-Kapitals in den Kategorien Sales, Marketing und CRM inzwischen an Unternehmen mit KI-Bezug geht. Das Gesamtvolumen liegt zwar weiterhin deutlich unter den Boomjahren 2021 und 2022, innerhalb des Segments konzentriert sich das Geld aber zunehmend auf KI-Anwendungen. Auffällig ist dabei ebenso, wer unter den prominenten Neuzugängen weniger häufig auftaucht. So findet sich ein klassischer Adtech- oder Martech-Anbieter darunter bislang nicht.