ADTECH - Omnichannel-Messung 2026

Zielgruppen denken kanalübergreifend, die Erfolgsmessung nicht

David von Hilchen, 23. Juli 2026
Bild: Fleur - Unsplash

Menschen konsumieren Medien heute selbstverständlich kanalübergreifend. Morgens hören sie einen Podcast, tagsüber lesen sie Nachrichten auf dem Smartphone, unterwegs sehen sie digitale Außenwerbung und abends streamen sie Serien auf dem Connected TV. Für sie existieren keine Kanalgrenzen – für viele Marketingverantwortliche dagegen schon. Planung, Aussteuerung und Erfolgsmessung erfolgen vielerorts weiterhin getrennt nach Kanälen, Teams oder Dienstleistern.

Connected TV (CTV), Display, Native Ads, Audio, Digital Out-of-Home (DOOH) oder Retail Media übernehmen entlang dieser Customer Journey unterschiedliche Aufgaben. Werden sie jedoch isoliert geplant oder bewertet, entsteht schnell ein unvollständiges Bild ihrer tatsächlichen Wirkung. Genau deshalb sollten Werbetreibende etablierte Messansätze hinterfragen und Kanäle stärker nach ihrer Rolle im Funnel bewerten.

Wenn fragmentierte Messung den Blick auf die Customer Journey verstellt

Fatal wird es dann, wenn falsche Schlussfolgerungen gezogen werden: Unternehmen kürzen Awareness-Budgets, weil sie keine direkten Abschlüsse liefern. Retargeting wirkt scheinbar immer effizienter, weil es häufig den letzten Kontakt vor dem Kauf abbildet. Damit rückt eine andere Frage in den Fokus: Welche Rolle übernimmt ein Kanal im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen entlang der Customer Journey? Eine realistische Omnichannel-Messung wertet Kanäle deshalb nicht gleich, sondern macht ihre unterschiedlichen Rollen sichtbar.

Die Realität der Werbetreibenden

In der Praxis stehen viele Marketingteams vor einem bekannten Muster: Zielgruppen bewegen sich kanalübergreifend, die Organisation der Werbetreibenden jedoch häufig nicht. Marketingteams arbeiten in der Regel mit unterschiedlichen Agenturen und Plattformen für die Aktivierung von CTV, Native, Display und weiteren Kanälen. Anschließend führen sie Reports manuell zusammen, oft in Tabellen, mit unterschiedlichen Attributionsfenstern, Messzeitpunkten und Definitionen.

Das Ergebnis ist kein vollständiges Bild, sondern eine Annäherung. Jeder Kanal wird nach eigenen Maßstäben bewertet, Wechselwirkungen bleiben schwer sichtbar, und Entscheidungen basieren auf unvollständigen Signalen. Deshalb muss Omnichannel-Messung heutzutage klarer zeigen, welche Daten belastbar sind, wo Lücken bleiben und welche Entscheidungen trotzdem möglich sind.

Warum Cross-Channel-Messung eine Baustelle bleibt

Ein vollständig einheitliches Tracking über Kanäle, Geräte, Plattformen und Umfelder hinweg ist weiterhin nicht gegeben. Die Walled Gardens geben nur begrenzt Einblick in ihre Daten und Datenschutzanforderungen beschränken die Verknüpfung personenbezogener Informationen. Darüber hinaus stellen unterschiedliche ID-Systeme, Attributionsfenster und Reporting-Standards zusätzliche Herausforderungen dar.

Daraus folgt aber nicht, dass eine Omnichannel-Messung unmöglich ist. Es bedeutet nur, dass Werbetreibende ihre Erwartungen verändern müssen. Ausschlaggebend ist vielmehr, welche Signale verfügbar sind, wo ihre Grenzen liegen und welche Entscheidungen sich auf dieser Grundlage besser treffen lassen. Damit verschiebt sich der Fokus von der perfekten Attribution hin zu einer besseren Messarchitektur entlang des Funnels. Omnichannel-Messung bleibt damit weniger eine technische Gesamtlösung als ein methodischer Rahmen, um unvollständige Signale besser einzuordnen.

Von Kanalgrenzen zur Funnel-Perspektive

Eine zukunftsfähige Omnichannel-Messung beginnt mit der Frage, welche Rolle jeder Kanal innerhalb der Gesamtstrategie übernimmt. Im oberen Funnel geht es um Aufmerksamkeit, Reichweite und Markenwahrnehmung. Für CTV, Video, Audio, DOOH oder In-Game sind deshalb Kennzahlen wie Reichweite, Completion Rate, Sichtbarkeit, Brand Lift oder Wiedererkennung relevanter als Klicks. Im mittleren Funnel zählen Engagement, qualifizierte Besuche, Content Reads oder Verweildauer. Im unteren Funnel bleiben Conversion Rate, Cost per Acquisition, Return on Advertising Spend (ROAS) oder Warenkorbwert wichtig. Statt alle Kanäle nach denselben Maßstäben zu bewerten, sollten Marketingverantwortliche jeden Kanal an seiner jeweiligen Aufgabe im Gesamtmix messen.

Was Cross-Channel-Messung realistisch leisten kann

Wer Cross-Channel-Messung einsetzt, sollte heute nicht erwarten, jeden Kontaktpunkt zweifelsfrei einer Conversion zuordnen zu können. Sinnvoller ist ein pragmatischer Ansatz: gemeinsame Kampagnenziele, kanalindividuelle KPIs und ergänzende Testdesigns. Nicht jeder Kanal muss dasselbe Ziel haben, aber alle Ziele sollten vor Kampagnenstart miteinander verbunden werden. So vermeiden Marketingverantwortliche, Awareness-Maßnahmen später ausschließlich anhand von Conversion-KPIs zu bewerten.

Auch ein möglichst konsolidiertes Reporting ersetzt zwar keine perfekte Attribution, kann jedoch helfen, verfügbare Signale besser einzuordnen und Entscheidungen nicht allein auf den letzten messbaren Kontakt zu stützen. Wo direkte Zuordnung nicht möglich ist, liefern Brand-Lift-Studien, Geo-Lift-Tests oder Holdout-Gruppen belastbare Hinweise auf die Wirkung. Ergänzend entwickeln sich moderne Plattformen zunehmend in Richtung Multi-Goal-Optimierung. Das löst Messprobleme nicht vollständig, kann Kampagnen aber weniger eindimensional steuerbar machen. Aus diesem realistischeren Verständnis von Messung ergeben sich konkrete Konsequenzen für die Kampagnenplanung.

Was Werbetreibende jetzt ändern sollten

Der wichtigste Schritt ist, Kampagnen entlang der Customer Journey statt entlang einzelner Kanäle zu planen. Ausgangspunkt sollte dabei die Frage sein, welche Aufgabe die Kommunikation im jeweiligen Abschnitt der Customer Journey erfüllen soll. Daraus lassen sich passende Kanäle, Formate und KPIs ableiten.

Ebenso wichtig ist eine klare KPI-Systematik pro Funnel-Stufe. Ohne diese Vorarbeit werden im Reporting unterschiedliche Rollen der Kanäle und Kampagnenziele schnell wieder auf dieselben Kennzahlen reduziert. Werbetreibende sollten deshalb Limitationen im Tracking, z.B durch Datenschutz, von Anfang an berücksichtigen. Statt sofort ein perfektes Attributionsmodell aufzubauen, können Werbetreibende mit zwei oder drei Kanälen starten, einen klaren Bewertungsrahmen definieren und anschließend skalieren. Wie das aussehen kann, zeigt ein einfaches Beispiel aus der Produkteinführung.

Ein Praxisbeispiel: Produktlaunch mit Retail Media

Ein Konsumgüterhersteller, der ein neues Produkt auf den Markt bringt, sollte nicht alle Kanäle nach Cost-per-Sale bewerten. Sinnvoller ist ein gestaffelter Ansatz: CTV oder Video bauen Reichweite und Wiedererkennung auf. Native Ads vertiefen das Interesse und führen Nutzerinnen und Nutzer zu erklärenden Inhalten. Retail Media setzt näher am Kaufmoment an und kann Abverkauf, Warenkorbwert oder ROAS abbilden.

Erst in dieser Kombination entsteht der eigentliche Erkenntnisgewinn. Wenn Werbetreibende beobachten, dass Retail-Media-Kampagnen besser performen, nachdem zuvor Reichweite und Interesse aufgebaut wurden, ist das ein wichtiges Signal. Damit lässt sich zwar nicht der Beitrag jedes einzelnen Touchpoints eindeutig nachweisen, es wird jedoch sichtbar, wie die Maßnahmen zusammenwirken können. Genau diese Art von Lernprozess ist für Omnichannel-Messung entscheidend.

Fazit: Bessere Entscheidungen statt perfekte Attribution

Ziel einer zeitgemäßen Omnichannel-Messung ist nicht die vollständige Attribution, sondern eine ehrliche Messarchitektur, die mit den bestehenden Grenzen sinnvoll umgeht. Denn die größte Herausforderung liegt heute weniger in fehlenden Daten als in fragmentierten Planungs-, Steuerungs- und Messprozessen. Werden alle Kanäle dennoch anhand derselben KPI bewertet, bildet das weder die Unternehmensziele noch das Verhalten der Zielgruppen ab. Eine kanalgerechte Erfolgsmessung berücksichtigt deshalb die Rolle des jeweiligen Kanals, das Kampagnenziel und die Customer Journey und schafft so auch bei unvollständiger Datenlage eine bessere Entscheidungsgrundlage. Das ist kein Rückschritt, sondern ein realistisches Verständnis davon, was Erfolgsbewertung in einem kanalübergreifenden Umfeld heute leisten kann.

Testdesigns, KI-gestützte Modelle, konsolidierte Reportings und Multi-Goal-Optimierung können helfen, verfügbare Signale besser einzuordnen. Die Grenzen von Tracking und Plattformfragmentierung heben sie jedoch nicht vollständig auf. Der Maßstab für 2026 ist deshalb nicht die eine perfekte Zahl, sondern die Fähigkeit, belastbare Signale zu identifizieren, ihre Grenzen zu kennen und daraus fundierte Entscheidungen abzuleiten.

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Bild David von Hilchen Über den Autor/die Autorin:

David von Hilchen ist seit über 15 Jahren im Media-Bereich tätig und bringt 13 Jahre umfassende Erfahrung im Adtech-Sales mit. Als Sales Director DACH bei Stackadapt verantwortet er die Marktentwicklung der kanadischen Multi-Channel-DSP im deutschsprachigen Raum. Zuvor arbeitete er bei Unternehmen wie Pinterest, Iotec, Vevo und Unruly, wo er maßgeblich am Markteintritt in Deutschland beteiligt war. Zuletzt war er in der Bay Area, Kalifornien, als Teamlead im neu gegründeten Fashion-Vertical bei Pinterest tätig. David von Hilchen studierte Medienmanagement in Berlin und verbrachte die letzten zwei Jahre in der Bay Area, Kalifornien.