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DIGITAL MARKETING

Das Marketing entdeckt die Menopause für sich

Sandra Goetz, 23. Juni 2026
Bild: Kristina Flour – Unsplash

Wenn Gesundheitsthemen aus der Nische treten, verändern sie auch die Kommunikation. Was zuvor in Arztpraxen, Apotheken oder privaten Gesprächen stattfand, wandert auf einmal in Kampagnen. Diese Transformation wird umso greifbarer, wenn medizinische Fragen, persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Tabus und wirtschaftliche Interessen aufeinandertreffen. Aktuell zeigt sich dieses Phänomen an den Wechseljahren. Die Menopause bleibt ein medizinisches Thema, wird nun aber auch öffentlich, wirtschaftlich und kommunikativ verhandelt. Frauen sprechen darüber, in Unternehmen, in sozialen Netzwerken, im beruflichen Kontext. Was lange als private Lebensphase galt, wird sichtbar. Und Sichtbarkeit verändert Märkte.

Vom Tabu zum Milliardenmarkt

Die Verschiebung lässt sich ökonomisch fassen. Marktforscher wie Grand View Research erwarten, dass der globale Menopause-Markt bis 2030 auf mehr als 24 Milliarden US-Dollar wächst. Erfasst werden dabei vor allem Gesundheits-, Over-The-Counter- (OTC), Supplement- und digitale Angebote rund um Wechseljahresbeschwerden.

Den Markt treiben mehrere demografische Gruppen. Babyboomerinnen und Gen X sind kaufkräftig und überwiegend in oder nach der Menopause, viele längst in der Postmenopause. Die ältesten Millennials rücken nach, Mitte 40 und damit selbst in der Perimenopause. In Deutschland befinden sich nach Angaben der Deutschen Menopause Gesellschaft rund neun Millionen Frauen in den Wechseljahren. Für Hersteller, Handel und Werbung gewinnt damit ein Markt an Dynamik, der lange unterschätzt wurde.

Bild: Angela Regenbrecht Andrea Buzzi, The Medical Network

„Menopause wird wirtschaftlich relevant, sobald sie kommunikativ anschlussfähig wird. Entscheidend ist nicht der einzelne Kauf, sondern die Dauer der Nutzung“, sagt Andrea Buzzi, die sich jüngst aus ihrer PR-Agentur Frau Wenk als CEO zurückgezogen hat und mit ihrer weiteren Gründung The Medical Network und dem Podcast Ehealth Pioneers auf digitale Gesundheit setzt. „Das ist kein kurzfristiger Bedarf, sondern ein langfristiger Markt“, sagt Buzzi, die ausgebildete Krankenschwester und studierte Betriebswirtin ist.

Ein Markt ohne klare Kanten

Für Deutschland gibt es keine konsolidierte Marktgröße. Umsätze verteilen sich auf verschreibungspflichtige Präparate, frei verkäufliche Produkte, ärztliche Leistungen, digitale Angebote und Beratungsmodelle. Branchenschätzungen verorten allein den OTC-Markt bei rund 400 Millionen Euro jährlich.

Medizinisch beginnt das Thema häufig beim Arzt, dort endet es aber nicht. In gynäkologischen Praxen kann Hormontherapie die erste Option sein. Lange stand Hormontherapie jedoch in der Kritik: Studien aus den frühen 2000er-Jahren rückten Risiken in den Mittelpunkt, die Verordnungspraxis wurde zurückhaltender. Fachgesellschaften bewerten Nutzen und Risiken heute differenzierter, zugleich suchen viele Frauen weiter nach ergänzenden oder alternativen Angeboten. Hinzu kommt der Druck in den Praxen. „Viele Gynäkologinnen haben schlicht nicht die Zeit, jede Frau umfassend durch diese Lebensphase zu begleiten“, sagt Morris Hille, Mitgründer von Phytolife Pharma, dem Entwickler von Menoelle.

Von Kneipp bis Klosterfrau: ein Markt mit Geschichte

Bild: Menoelle Morris Hille, Phytolife Pharma/Menoelle

Ein Markt frei verkäuflicher Menopause-Produkte besteht seit Jahren. Frühe Anbieter wie Kneipp adressierten das Thema schon Anfang der 2000er-Jahre mit Produkten wie Menobalance, damals vor allem über Apothekenbeilagen und Frauenzeitschriften. Heute ist Klosterfrau mit Meno-Balance in der Kategorie sichtbar.

Inhaltlich prägten lange pflanzliche Inhaltsstoffe wie Soja-Isoflavone den Markt. Sie werden häufig als hormonfrei kommuniziert, können aber östrogenähnliche Effekte entfalten und wirken individuell unterschiedlich. „Viele sagen hormonfrei und meinen pflanzlich. Isoflavone wirken hormonähnlich, das wird in der Kommunikation oft verkürzt dargestellt“, sagt Hille.

Bei der Vermarktung von Menopause-Produkten haben sich unterschiedliche Modelle etabliert. Etablierte OTC-Anbieter setzen weiter auf klassische Kanäle. Über Nahrungsergänzungsmittel hinweg entfallen nach Brancheninformationen rund 81 Prozent der gemessenen Werbespendings auf TV und Zeitschriften, der erfasste Onlineanteil sank zuletzt sogar. Social, Influencer- und Performance-Marketing werden in solchen Statistiken häufig nur eingeschränkt abgebildet. Jüngere, DTC-getriebene Anbieter wie Menoelle, Xbyx oder Hermaid erreichen ihre Zielgruppen stärker digital, über Content, Communitys und Creator. Der Onlineanteil am Kategorieumsatz liegt nach denselben Angaben über 40 Prozent.

Kommunikativ professionalisiert sich das Feld, sichtbar in konkreten Kampagnen. Besins Healthcare wirbt mit „Mach’s zu deinen Wechseljahren“ über Online-Banner, Kurzfilme, Social Ads und die Plattform “Wechseljahre verstehen”. Media Impact und Bild brachten mit „Das Schweigen über Menopause brechen“ eine Brand Story samt Social-Kampagne und Live-Diskussion, die 2025 bei den Native Advertising Awards des Native Advertising Institute Gold als beste B2C-Kampagne gewann. Jenapharm von Bayer klärt über “ich.unverwechselbar” dauerhaft auf, betreut von Somengo und Diemar Jung Zapfe. Tena von Essity rückte das Thema 2025 mit einer eigenen Umfrage in den Massenmarkt, nach der mehr als die Hälfte der Frauen die Wechseljahre noch als Tabu empfindet.

Wenn Menopause kein reines Produktproblem ist

Parallel haben sich Modelle etabliert, die Menopause stärker als Wissens-, Beratungs- und Community-Thema begreifen. Die Plattform Wexxeljahre von Anke Sinnigen bündelt Wissen, Austausch und Beratung samt Menopausen-Campus mit Warteliste. Hermaid von Anne Feldt, mit ihrer Schwester aufgebaut, ist eine Femtech-App mit Symptom-Tracking, ärztlicher Beratung und evidenzbasierter Aufklärung. Bewusst verzichtet sie auf eine DiGA-Zertifizierung, die allein rund zwei Millionen Euro kosten kann. Die Anbieter zeigen, dass sich die Kategorie über Produkte hinaus entwickelt.

In ihrem Podcast Ehealth Pioneers spricht Andrea Buzzi in der Folge „Das Meno-Sofa“ mit Feldt über die Unterversorgung von Frauen in der Lebensmitte, auch weil sie in Forschung und Datensätzen lange unterrepräsentiert waren. Feldts Bild dafür ist deutlich: Ab einem gewissen Alter landeten Frauen in der „Rumpelkammer des Lebens“.

Zwischen Regal, Beratung und App

Menoelle greift diese Entwicklung anders auf. Die Marke verbindet frei verkäufliche Produkte mit Beratung, Webinaren und Wissensangeboten. Menoelle wurde 2019 gelauncht, entwickelt von der Berliner Phytolife Pharma, die Morris Hille mit Patrick Schmick gegründet hatte. „Wir verstehen uns nicht als Startup, wir bauen ein Geschäftsmodell für viele Jahre“, erklärt Hille. Der Start fiel kurz vor die Pandemie. „Für andere Branchen wäre Covid ein Killer gewesen. Bei uns war es anders, Frauen hatten Zeit, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen“, so Hille.

Menoelle verzichtet nach eigenen Angaben bewusst auf phytoöstrogene Inhaltsstoffe und grenzt sich so von Teilen des pflanzlichen Marktes ab. Vertrieben wird digital wie stationär, unter anderem bei DM, Rossmann und Müller. Von Beginn an gibt es ein kostenfreies Beratungsangebot, von Webinaren bis zu fachlicher Begleitung. Aufklärung wird damit selbst Teil der Markenführung und Kundenbindung.

International gibt es ähnliche Positionierungen. Die israelische Marke Femarelle setzt seit vielen Jahren ebenfalls auf den Verzicht von Phytoöstrogenen, klinische Studien und eine entsprechende Kommunikation. Seit geraumer Zeit ist Femarelle auch auf dem deutschen Markt präsent.

Die Wechseljahre reichen in den Job

Bild: Teads Liesbeth Mack-de Boer, Teads

Menopause wird zunehmend zum Organisationsthema, mit messbarer betriebswirtschaftlicher Seite: Eine Untersuchung der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin beziffert den Produktivitätsverlust durch Wechseljahresbeschwerden am Arbeitsplatz auf rund 9,4 Milliarden Euro jährlich und rund 40 Millionen verlorene Arbeitstage.

Bei Teads gab vor zweieinhalb Jahren ein persönliches Gespräch mit der globalen People-and-Culture-Leitung den Anstoß. „Uns wurde klar, dass dieses Thema alle betrifft“, sagt Liesbeth Mack-de Boer, Managing Director für Deutschland, die Niederlande und Österreich. Seitdem ist Menopause Teil der globalen DEI-Arbeit: im vergangenen Oktober erstmals mit einer unternehmensweiten Awareness-Kampagne zum World Menopause Month.

Auch die Werbebranche selbst bewegt sich: Die Publicis Groupe verankert Menopause in Deutschland mit der Initiative „Menolution“ in der Personalpolitik, von flexiblen Arbeitsmodellen bis zu internen Informations- und Beratungsangeboten.

Wie sehr das Thema Arbeitsmärkte berührt, zeigen Beispiele aus anderen Ländern. In Luxemburg gaben in einer Umfrage unter 200 Beschäftigten des Finanzsektors 63 Prozent an, Symptome beeinträchtigten ihre Arbeit; 87 Prozent hatten nie mit dem Betriebsarzt darüber gesprochen. In England sollen ab 2026 Fragen zur Menopause in den NHS Health Check aufgenommen werden. Beschäftigte können sich bei Beschwerden bis zu sieben Tage selbst krankmelden.

Wer die Erzählung prägt

Wer betroffen ist, wird in der Debatte oft verkürzt dargestellt. Nach Angaben von Frauenärzte im Netz kommt etwa ein Drittel der Frauen ohne Beschwerden durch die Wechseljahre, ein Drittel hat leichte Symptome und ein Drittel deutlich belastende Beschwerden. Es leidet also nicht jede Frau, aber sehr viele, manche bereits ab 40, quer durch Lebensentwürfe, Berufe und Einkommensgruppen.

Wie wenig Zugang allein schützt, zeigt Melinda French Gates. Trotz Vermögens und bester medizinischer Versorgung musste sie das Thema nach eigenen Angaben bei ihrer Ärztin selbst ansprechen. Im Juni 2026 rief sie zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit Menopause und Frauengesundheit auf und sagte über ihre Organisation Pivotal weitere 215 Millionen US-Dollar für Frauengesundheit zu, unter anderem mit Blick auf Midlife Health, Menopause und Forschungslücken.

Mehr als ein Defizit

Für den deutschen Markt wird sich die Entwicklung allerdings weniger an prominenten Fürsprecherinnen entscheiden als an der Frage, welche Bilder, Geschichten und Erwartungen sich rund um die Menopause etablieren. Die Herausforderung für Unternehmen, Anbieter und Arbeitgeber liegt darin, diese neuen Narrative glaubwürdig zu besetzen.

Auffällig bleibt, woran sich viele westliche Märkte bis heute abarbeiten: am Defizit. Anderswo wird dieselbe Lebensphase nicht primär als Mangel verstanden, sondern als Übergang. Im Japanischen heißt sie Kōnenki, die Erneuerungsjahre. Das Chinesische kennt einen ähnlich weiten Begriff für die zweite Lebenshälfte. Solche Begriffe ändern keine Beschwerden, aber sie zeigen, dass die gesellschaftliche Erzählung nicht festgeschrieben ist. In vielen Gesellschaften Indiens und Afrikas ist sie mit einem Statusgewinn verbunden. Die Frau wird zur Älteren, zur Autorität.

Die Beschwerden vieler Frauen bleiben real. Ob eine Lebensphase vor allem als Defizit oder als Übergang wahrgenommen wird, ist jedoch auch eine Frage gesellschaftlicher Rahmung. Und die ist am Ende ebenso eine Kommunikations- wie eine Marketingfrage. Das Schweigen ist vorbei. Der Markt wächst, ist aber noch längst nicht ausdefiniert. Denn entschieden wird er nicht allein über Produkte, sondern auch darüber, welche Narrative sich durchsetzen und wer das Rennen um Budgets, Aufmerksamkeit und Vertrauen gewinnt.

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