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ONLINE VERMARKTUNG

Captcha-Ad: "Wir haben viel dazugelernt“

Von Jens von Rauchhaupt, 17. Dezember 2010

Kaum ein anderes deutsches Start-up Unternehmen aus der Online Branche hat national und international so viele Preise und Vorschusslorbeeren erhalten wie Captcha-Ad. Doch von Preisen allein wird aus einer smarten Geschäftsidee noch lange kein ertragreiches Unternehmen. Wir sprachen mit den Captcha-Ad Gründern und Geschäftsführern Jan Philipp Hinrichs und Thomas Zumtobel über ihr eigenwilliges Werbeformat und die Zukunftsaussichten von Captcha-Ad.

Adzine: Herr Zumtobel, Herr Hinrichs, was sind Captcha-Ads?

Beispiel eines captchas

Zumtobel: Für Online-Verifizierungsprozesse wie Registrierungen in einem Forum, Blog oder für eine Kommentarfunktion – also an sehr vielen Stellen im Internet – ist die Usereingabe von Zahlen bzw. Buchstabenreihen, sogenannten Captchas, erforderlich. (BILD) Dies soll sicherstellen, dass die Eingabe von einem Menschen und nicht von einer Maschine erfolgt. Das Problem ist, dass Spamprogramme mit maschinellen Captcha-Eingaben immer besser werden und eigentlich jedes Captcha inzwischen knacken können. Um sich davor zu schützen, werden die Captchas immer kryptischer, viele sind eigentlich gar nicht mehr leserlich. Da entsteht eine riesige Frustration auf Anwenderseite. Täglich werden circa 280 Mio. Captchas geschaltet – bei einer Verweildauer von 15 Sekunden sind das 133 Jahre am Tag, mit denen sich die Internetuser weltweit mit Captchas beschäftigen.

Jan Philipp Hinrichs u. Thomas Zumtobel

Hinrichs: … und da hatten wir die Idee, die eigentlichen Captchas mit der Aufforderung zur Zeicheneingabe durch Captcha-Ads zu ersetzen. Das sind kurze Werbestreams, bei denen der Internetnutzer eine Frage zum Inhalt der Ad erhält. So schaffen wir einen hundertprozentigen Schutz vor Spam und haben gleichzeitig ein komplett neues Werbeformat geschaffen, bei dem der User mit der beworbenen Marke interagiert.

Adzine: Und damit gewinnt man Preise, aber richtig Geld verdient man damit noch nicht, wenn man Ihren Quartalsbericht in der Financial Times Deutschland gelesen hat. Wieso hat Captcha-Ad dort so dermaßen die Hosen runtergelassen? Da ist zu lesen, dass Sie selbst bei sich Werbung schalten.

Hinrichs: Wir hatten letztes Jahr an enable2start, dem größten deutschsprachigen Gründerwettbewerb, teilgenommen und gehörten zu den Siegern unter den über 1000 Bewerbern. Neben dem Gründertagebuch und einem monatlichen Printbericht müssen die Sieger auch die Quartalsberichte offenlegen. Wir hatten uns bewusst für diesen Wettbewerb entschieden. Denn um unser neues Werbeformat bekannt zu machen, ist enable2start eine optimale Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen.

Zumtobel: Die selbst finanzierten Werbebuchungen, von denen sie gehört haben, das hat damit zu tun, dass wir unser Werbeformat testen wollten, um herauszufinden, wo die Captcha-Ads auf einer Webseite am effektivsten eingesetzt werden sollten. Und natürlich auch, wie der Captcha-Ad-Player gestaltet sein muss, damit der Nutzer diesen sofort versteht und damit klarkommt. Das war hauseigene Marktforschung, wenn man so will.

Adzine: Captcha-Ad ist voll im Plan?

Zumtobel: Wir sind tatsächlich wieder im Plan. Wir haben letztes Jahr gedacht, wir kämen viel schneller voran. Wir mussten aber erst mal lernen, dass die Werbeindustrie doch nicht ganz so einfach ist, wie man sich das vorstellt. Doch insgesamt finde ich es selbst sehr erstaunlich, was wir in der kurzen Zeit dazulernen konnten. Wir haben jetzt alles standardisiert und können wichtige Features wie das Einsetzen von Tracking Pixel anbieten. Jetzt kommen die Werbekunden schon sehr massiv auf uns zu. Denn einen Trend stellen wir vermehrt fest: Werbungtreibende wollen immer häufiger jenseits einer gewöhnlichen Rectangle-Buchung neue Dinge ausprobieren. Und das lohnt sich. Unsere Captcha-Ads haben Klickraten von 9,7 %. (Bild Captcha Universal) Zunächst dachten wir, dass sich die Nutzer mit dem neuen Medium nicht zurechtfinden, aber unsere Umfragen haben bestätigt, dass sich der Nutzer einfach viel intensiver mit dem dargebotenen Spot auseinandersetzt und neugierig wird. Natürlich hängt es auch immer vom Spot ab. Wir hatten auch schon Kampagnen mit knapp 30 % Klickraten.

Adzine: Aber wie geht es jetzt weiter. Ihr Werbemodell steht und fällt mit dem Publishernetzwerk. Das muss doch jetzt Ihre große Herausforderung sein. Gibt es da neue Partnerschaften?

Hinrichs: Wir bauen unser Netzwerk gerade sukzessive auf und konzentrieren uns dabei voll auf unser Channel-Angebot. Wir bieten den Werbekunden Channel-Buchungen in Social Networks, Gaming und Entertainment. Unser Netzwerk hat aktuell schon ein Potenzial von 15–20 Mio. Captcha-Ads im Monat.

Adzine: Aber die Publisher, die Captcha-Ad einsetzen, sind bisher lokalisten.de, winload, elektronicscout24, Produkt.de und Kosmetik.de, oder?

Hinrichs: Wir haben bereits weitere Social Communitys dazugewonnen. Unter anderem die Singlebörse Fischkopf.de.

Zumtobel: Dazu muss man auch noch sagen, dass wir mit weiteren Publishern verhandeln und diese bereits Captcha-Ads testen. In 4 bis 5 Wochen können wir da mehr berichten.

Adzine: Wie wird bei den Captcha-Ads abgerechnet und wie hoch ist der Revenue Share für den Publisher?

Hinrichs: Captcha-Ads sind von ihrer Werbewirkung besonders für Branding-Kampagnen geeignet, daher wird über TKP abgerechnet. Sie müssen bedenken, dass wir den Publisher ein zusätzliches Erlösmodell für Inventar anbieten, der vorher überhaupt kein Geld einbrachte. Der Revenue Share ist davon abhängig, ob der Publisher sich selbst vermarktet oder einen Vermarkter hat.

Ein Captcha-Ad aus einer aktuellen Universal Kampagne. Foto: Captcha-Ad.


Adzine: Gehen Sie eher in den Mid und Long Tail oder sprechen Sie auch direkt die großen Premium-Werbeträger an, wie groß ist überhaupt Ihr Team?

Hinrichs: Wie gesagt, wir denken erst einmal in Channels und konzentrieren uns vor allem auf die Social Networks. Aber sie haben Recht, unser langfristiges Ziel ist es, möglichst viele Mid- und Long-Tail-Seiten in diese Channels mit aufzunehmen. Dazu wollen wir auch unseren Vertrieb ausbauen. Zurzeit haben wir in diesem Bereich 5 Mitarbeiter.

Zumtobel: … technologisch sind wir inzwischen so weit, dass jeder Blogger unser Captcha-Ad-Plug-in in wenigen Minuten beispielsweise in Wordpress einbinden kann. Wenn der Internetnutzer Flash und Javaskript nicht aktiviert hat, ist das auch kein Problem. Für den Fall kommt dann ein normales Captcha.

Adzine: Arbeiten Sie eigentlich mit Cookies?

Zumtobel: Es werden nur Cookies für das Frequency Capping gesetzt. Von unserer Seite gibt es sonst keine Cookies.

Adzine: Lässt Captcha-Ad Third Party Adserving auf Agenturseite zu?

Zumtobel: Der Spot selbst kann auf einem Agenturen-Adserver liegen. Allerdings brauchen wir noch ein spezielles Captcha-Ad-Banner mit der Frage-Antwort-Kombination. Dieses wird dann durch den Adserver ausgespielt und ist hochverschlüsselt. Es ist eben kein Standardbanner mehr.

Adzine: Wie lang sollte so ein Captcha-Ad-Video sein und wie ist es mit dem Ton, ist der am Ad immer eingeschaltet?

Hinrichs: Nach unserer Erfahrung sollte ein solcher Stream nicht länger als 15 Sekunden sein. Kurze Spots entsprechen ja auch dem allgemeinen Trend im Video-Advertising. Wir raten den Advertisern zudem immer dazu, den Ton auszustellen und es dem User zu überlassen, ob er den Ton auf dem Werbemittel einschalten will.

Adzine: Noch einmal zurück zu den Wettbewerben. Hat es Ihrem Start-up-Unternehmen eigentlich etwas gebracht, dass Sie auch im Ausland zum Beispiel am IBTEC Award 2009 teilgenommen haben?

Hinrichs: Auf jeden Fall. Beim IBTEC Award, der von der Universität Berkeley und Intel ausgelobt wird, haben wir letztes Jahr ja den zweiten Platz belegt. Und auch dieses Jahr wurden wir wieder eingeladen, um mit den diesjährigen Teilnehmern unsere Erfahrungen auszutauschen. Das Netzwerk ist dort gigantisch. Dort bekommt man hervorragende Kontakte zu potenziellen Investoren und Kooperationspartnern.

Zumtobel: Außerdem ist es wichtig, auch Feedback auf internationaler Ebene zu erhalten. Auf solchen Veranstaltungen sieht man, was der Wettbewerb macht und man kann seine eigene Geschäftsidee weiterentwickeln. Das ist wirklich eine große Hilfe.

Hinrichs: Im Juni haben wir zudem den zweiten Platz auf der Global Entrepreneurship Competition 2010 in Barcelona gewonnen. Das hatte sicherlich auch etwas mit dem IBTEC Award zutun gehabt. Solche Wettbewerbe helfen ungemein, um international auf sich aufmerksam zu machen.

Adzine: Wird man also Captcha-Ads auch bald auf ausländischen Webseiten sehen?

Hinrichs: Die Internationalisierung der Captcha-Ad-Werbeform gehört fest zu unserer Strategie. Wir wollen die Captcha-Ad erst im deutschsprachigen Raum etablieren. Wenn alles klappt, wollen wir aber schon sehr bald auch auf den US-amerikanischen Markt. Das ist der größte Werbemarkt und wir hoffen unsere neue Werbeform dort mit Kooperationspartnern oder gar mit einem Sales Team vermarkten zu können.

Adzine: Herr Hinrichs, Herr Zumtobel, vielen Dank für das Gespräch!


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