Das OMR Festival wächst weiter, sowohl organisatorisch als auch wirtschaftlich und thematisch. Rund 70.000 Besucher:innen strömten 2026 laut Veranstalter Ramp106 auf das Hamburger Messegelände, insgesamt seien im Rahmen der zahlreichen Side Events sogar 85.000 Menschen nach Hamburg gekommen. Mehr als 1.000 Aussteller:innen und Partner sowie über 800 Speaker:innen waren an Bord. Ab 2027 erweitert OMR das Festival deshalb auf drei Tage.
Die Entscheidung überrascht kaum. Schon in diesem Jahr wirkte die Veranstaltung am Limit. Die Opening-Keynote von Gründer Philipp Westermeyer und Content-Chef Roland Eisenbrand am zweiten Tag wurde mittags wiederholt, weil Tausende Besucher:innen keinen Platz mehr in der Konferenzhalle fanden – trotz einer Kapazität von rund 7.000 Menschen. Die Besuchenden mussten also aufpassen, dass sie überhaupt noch an der Konferenz teilnehmen konnten, die einst das Herz des Events gebildet hatte.
Rund um das Gelände hatte sich in den vergangenen Jahren bereits ein eigenes Event-Ökosystem etabliert, das sich derweil weiterentwickelt hat. Der Weg durch die angrenzenden Straßen führte vorbei an gebrandeten Cafés, Restaurants und temporären Veranstaltungsflächen. Rikschas transportierten Gäste zwischen Messe und Unternehmens-Events hin und her. Nicht wenige Besucher:innen schienen ihre Zeit fast ausschließlich außerhalb der Hallen zu verbringen. Die offiziellen 125 Side Events dürften dabei nur einen Teil des tatsächlichen Programms abgebildet haben.
Mehr Business, mehr Internationalität
Die OMR wirkt inzwischen “erwachsener” als noch vor einigen Jahren. Konzerte, Partys und prominente Gäste wie Heidi Klum gehören weiterhin fest zum Konzept, doch rückten Business-Termine stärker in den Vordergrund. Das war auf den Bühnen ebenso spürbar wie daneben. Die Frage der Moderatorin Andrea Petković, wer gestern Abend “auch etwas zu viel getrunken und überzogen” habe, brachte nicht einmal mehr ein müdes Lächeln zustande. Der Fokus liegt vielerorts trotz Glitzer und Glamour inzwischen anscheinend woanders.
Auch die Internationalisierung schreitet voran. Laut Veranstalter kamen mehr als 20 Prozent der Gäste inzwischen aus Ländern außerhalb des DACH-Raums – ein Rekordwert für das Festival. Internationale Tech-Unternehmen, Investoren und globale Plattformen prägen das Bild der Messe und ihr Bühnenprogramm immer stärker. Dabei spiegelt sich die Entwicklung hin zur Plattformökonomie zunehmend auch in der Ausstellerlandschaft wider. Die sichtbarsten Player auf dem Gelände kamen erneut aus dem Umfeld globaler Plattformen, Cloud- und SaaS-Anbieter. Google, Amazon, Meta, Tiktok oder Microsoft dominierten die Messe ebenso wie große CRM-, Commerce- und andere Softwareunternehmen. Unabhängige Adtech-Unternehmen und Publisher oder ihre Vermarktung rücken im Gesamtbild zunehmend in den Hintergrund. Somit bietet sich den Besuchenden ein ähnliches Machtgefüge wie im digitalen Werbemarkt selbst: Big Tech dominiert Sichtbarkeit, Infrastruktur und Aufmerksamkeit.
Inhaltlich beherrschte erneut Künstliche Intelligenz das Programm und die Debatten in den Gängen. Der Ton wirkte allerdings nüchterner als 2025. Viele Diskussionen drehten sich um konkrete Anwendungen, operative Herausforderungen und die geopolitischen Folgen technologischer Abhängigkeiten. Das Thema digitale Souveränität zog sich entsprechend durch zahlreiche Vorträge. Finanzminister Lars Klingbeil sprach über Europas technologische Eigenständigkeit und die Finanzierung von Scale-ups. Rolf Schumann von Schwarz Digits rückte die Kontrolle über Daten in den Fokus. Daneben beschäftigten sich viele Sessions mit Sichtbarkeit in KI-Systemen, Automatisierung und veränderten Suchmechaniken. Mit Nick Turley von Open AI war erneut einer der prominentesten KI-Vertreter vor Ort.
Die OMR wächst über das Gelände hinaus
Die eigentliche Messe ist oft nur noch der Ausgangspunkt für Meetings, Side Events und Networking in der gesamten Stadt. Viele Unternehmen verlagern ihre Aktivitäten inzwischen außerhalb der Hallen. Das Festival verteilt sich dadurch über große Teile Hamburgs. Insbesondere im alternativen Karoviertel direkt neben den Messehallen sorgt das allerdings nicht nur für Begeisterung.
Mit der Größe wächst auch die Komplexität. Zwischen Bühnenprogramm, Masterclasses und Parallelveranstaltungen kämpfen viele Besucher:innen trotz der offiziellen "Journeys" inzwischen eher mit Orientierung als mit fehlendem Angebot. Die Erweiterung auf drei Tage dürfte deshalb auch organisatorische Gründe haben.
Die Ausdehnung zeigt darüber hinaus, wie weit sich die OMR von ihren Ursprüngen als Online-Marketing-Konferenz entfernt hat. Heute ist sie vor allem ein großflächiges Business-Festival der Digitalwirtschaft, hochgradig professionalisiert, durchkommerzialisiert und wirtschaftlich erfolgreich. Während frühe OMR-Ausgaben kostenlos zugänglich waren und von Sponsorings lebten, kostet der reguläre Festival-Pass für 2027 inzwischen 649 Euro.