KI-Agenten – Walled-Garden-Power fürs Open Web?
Karsten Zunke, 23. März 2026Interview mit Sara Sihelnik, Quantcast
Die Automatisierung im digitalen Marketing erreicht eine neue Stufe. Während Künstliche Intelligenz jahrelang vor allem unsichtbar Algorithmus im Hintergrund agierte, treten nun „User-Facing“ KI-Agenten als aktive, beratende Partner an die Seite der Marketer. Diese Entwicklung verspricht nicht nur eine massive Effizienzsteigerung, sondern auch ein Ende der Ära undurchsichtiger Blackbox-Systeme. Sara Sihelnik begleitet diese Entwicklung aktiv. Sie ist für die Kundenpartnerschaften von Quantcast in der EMEA-Region verantwortlich und ihre Firma hat mehrere KI-Agenten im Einsatz. Im Interview gibt die Expertin Einblicke darin, wie Marketer zu Dirigenten eines hochspezialisierten „KI-Orchesters“ werden können und erläutert, warum ausgerechnet KI-Agenten die Relevanz des Open Web gegenüber den Walled Gardens erhöhen.
ADZINE: KI-Agenten fürs Advertising sind derzeit in aller Munde. Wie ordnest du die aktuelle Entwicklung ein? Wo stehen wir in der Praxis wirklich?
Sara Sihelnik: Man kann hier durchaus von einer fundamentalen Verschiebung im Advertising sprechen. Wir bewegen uns aktuell weg von statischen Tools hin zu aktiven, interagierenden Partnern. Während traditionelle KI-Systeme schon lange im Hintergrund Optimierungen vorgenommen haben, erreichen wir nun eine neue Stufe: Die Agenten werden ‚User-Facing‘. Sie fungieren also als direkte Schnittstelle zwischen massiven Datenmengen und der menschlichen Strategie. Dabei geht es nicht darum, Marketer zu ersetzen, sondern um einen massiven Skalierungsbeschleuniger, der die kognitive Last der Datenanalyse übernimmt.
ADZINE: Ihr habt kürzlich eine Riege von KI-Agenten gelauncht. Kannst du kurz einen Überblick geben, welche ihr im Einsatz habt?
Sihelnik: Aktuell befinden sich vier spezialisierte Agenten in der Plattform. Agent Q ist dabei der strategische Co-Pilot, mit dem Nutzer per Chat interagieren können – in die Kampagnendaten integriert. Er unterstützt bei Ad-hoc-Analysen, beantwortet Fragen zu Performance-Schwankungen, hilft beim Troubleshooting und visualisiert Kampagnenergebnisse in beliebige Charts. Ergänzt wird dies durch drei weitere Spezialisten: Ein Analyse-Agent liefert das ‚Warum‘ hinter den KI-Entscheidungen. Ein zweiter Spezialist identifiziert Zielgruppenmuster, die menschlichen Planern oft verborgen bleiben, während ein dritter derzeit ein Scoring für Display- und Native-Werbemittel erstellt, um Performance-Hürden zu minimieren.
ADZINE: Wie sieht das Zusammenspiel dieser KI-Agenten in der Praxis aus? Interagiert der Nutzer mit vier verschiedenen Oberflächen?
Sihelnik: Nein, die Architektur ist integrativ gelöst. Agent Q ist das übergeordnete Interface. Die anderen drei Agenten sind kontextbezogen dort eingebettet, wo sie gebraucht werden. Es ist ein Ökosystem, in dem die Spezialisten ihre Daten untereinander austauschen, während Agent Q die zentrale Kommunikation übernimmt.
ADZINE: Worin siehst du den größten Benefit dieser KI-Agenten?
Sihelnik: Der entscheidende Faktor ist, dass die Time-to-Insight‘ reduziert wird. Marketer verbringen heutzutage oft noch viel ihrer Zeit mit Datenbereinigung und Monitoring. Die Agenten übernehmen dieses ‚Heavy Lifting‘. Dadurch dreht sich das Verhältnis um: Der Mensch gewinnt seine Zeit zurück, um sie in Strategie und Kreation zu investieren. Gleichzeitig sinkt die Einstiegshürde für komplexe Kampagnen-Setups erheblich. Darüber hinaus reduzieren sich für uns als Plattform die operativen Support-Aufwände. Reporting, Interpretation und Setup-Unterstützung erfolgen zum großen Teil interaktiv über die Agenten.
ADZINE: Ein kritischer Punkt bei KI ist oft die Autonomie. Wie viel Kontrolle geben Marketer tatsächlich ab und wie autonom sind Buchungen bereits möglich?
Sihelnik: Technisch wäre eine vollautonome Steuerung bereits in weiten Teilen möglich. Dennoch verfolgen wir konsequent den ‚Human-on-the-Loop‘-Ansatz. Die strategischen Rahmenbedingungen – KPIs, Budgets, Brand-Safety-Guidelines – werden weiterhin zwingend vom Menschen definiert. Die KI optimiert innerhalb dieser Leitplanken, aber die finale Verantwortung bleibt in menschlicher Hand.
ADZINE: Bei generativer KI besteht oft die Sorge vor „Halluzinationen“. Wie stellt ihr sicher, dass eure Agenten faktisch korrekt arbeiten?
Sihelnik: Wir arbeiten hier nicht mit generischer, frei assoziierender KI, sondern auf Basis von Echtzeit-Signalen aus dem Open Web oder von Kampagnen. Ein wesentlicher Schutzmechanismus ist zudem die Erklärbarkeit: Wenn die KI ungewöhnliche Optimierungen vornimmt – etwa plötzlich eine Zielgruppe wie Zahnärzte für Flugbuchungen identifiziert – wird die Datenbasis dahinter sichtbar gemacht. Oft entpuppen sich vermeintliche Fehler dann als Insights, wie etwa eine zeitgleich stattfindende Fachkonferenz, die der menschliche Planer nicht auf dem Schirm hatte.
ADZINE: Blicken wir auf das Marktumfeld. Insbesondere Perplexity und Open AI entwickeln sich aktuell zu neuen „Walled Gardens“, die Customer Journeys direkt in den Chats abschließen. Droht das Open Web dadurch weiter zu schrumpfen?
Sihelnik: Das ist eine ernstzunehmende Entwicklung. Wenn wir die Customer Journey rein auf diese geschlossenen KI-Chats beschränken, entziehen wir den Publishern im Open Web die Lebensgrundlage – obwohl genau diese Inhalte die Trainingsbasis für die KI bilden. Die Lösung muss sein, das Open Web technologisch genauso einfach und performant zu machen wie die Walled Gardens. Unsere Aufgabe ist es, durch KI-Tools dieselbe Granularität und Relevanz zu ermöglichen, die bisher nur innerhalb der großen Plattformen verfügbar war. Wenn das Open Web durch Ergebnisse, Transparenz und Qualität überzeugt, bleibt es der wertvollste Ort für diverse Zielgruppenansprachen.
ADZINE: Plant ihr, noch weitere KI-Agenten einzusetzen?
Sihelnik: Unsere vier Agenten decken wichtige Bereiche ab. Aktuell geht es eher darum, die Funktionen der bestehenden Agenten und das Zusammenspiel der Agenten untereinander weiter zu optimieren.
ADZINE: Und wie sieht eure langfristige Vision aus? Werden wir erleben, dass KI-Agenten von Kundenseite direkt mit euren Agenten das Business untereinander aushandeln?
Sihelnik: So weit sind wir heute noch nicht, aber die Reise geht definitiv in diese Richtung. Die Zukunft im Digital Advertising gehört vermutlich nicht dem einen Super-Agenten, sondern einer Orchestrierung von Spezialisten. Der Marketer der Zukunft wird zwangsläufig zum ‚Agent-Orchestrator‘. Er dirigiert dann ein Team aus KI-Agenten, die auf bestimmte Gebiete spezialisiert sind – beispielsweise auf Kreation, Nachhaltigkeits-Checks oder Predictive Planning. Die Rolle der Marketer entwickelt sich weg vom handwerklichen Hands-on in den Systemen hin zu einer steuernden Funktion, die Strategien auf Basis hochpräziser KI-Outputs entwirft.
ADZINE: Vielen Dank für das Interview, Sara!
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