Vom statischen Datenaustausch zum lernenden Datennetzwerk
Karsten Zunke, 27. Januar 2026Interview mit Alistair Bastian, Infosum
First-Party-Daten sind ein ebenso wichtiger wie wertvoller Schlüssel zur Zielgruppe. Niemand möchte sie aus der Hand geben – doch Werbung braucht Daten. Daher haben Datenpartnerschaften Hochkonjunktur. Bei Infosum geht man jetzt einen Schritt weiter: Das Unternehmen setzt auf eine technische Lösung, mit der Daten in verschiedenen Clouds gematcht werden können, ohne die jeweilige Cloud-Umgebung zu verlassen. Im Interview erklärt Alistair Bastian, CTO der WPP-Tochter Infosum, wie Unternehmen trotz zunehmender Marktfragmentierung Daten-Kollaborationen umsetzen können und warum es künftig nicht mehr darauf ankommt, wer die meisten Daten besitzt.
ADZINE: Alistair, welche Rolle spielen nach eurer Beobachtung First-Party-Daten mittlerweile für das digitale Marketing und wie hat sich die Nachfrage nach entsprechenden Daten-Kollaborationen in jüngster Zeit entwickelt?
Alistair Bastian: First-Party-Daten sind zur strategischen Grundlage des digitalen Marketings geworden. Sie sind die einzige Datenquelle, auf die sich Marketer hinsichtlich Relevanz, Genauigkeit und Datenschutz wirklich verlassen können. Mit der zunehmenden Fragmentierung im Bereich Identity und dem Wegfall von Third-Party-Identifiern sind First-Party-Signale zur primären Grundlage geworden, um Zielgruppen zu verstehen und Performance zu messen.
Gleichzeitig hat sich die Nachfrage deutlich verschoben, weg vom einfachen Datenaustausch hin zu echten, datenschutzorientierten Partnerschaften. Werbetreibende möchten Insights gemeinsam mit Partnern nutzen, ohne dabei ihre Rohdaten zu teilen oder ihre bestehende Architektur umbauen zu müssen. Getrieben wird dieser Wandel von drei zentralen Faktoren: steigenden regulatorischen Anforderungen, zunehmender Marktfragmentierung und dem enormen Datenhunger moderner KI-Modelle.
ADZINE: Ihr habt in dem Zusammanhang sogenannte Beacons für Daten-Kollaborationen gelauncht. Welche Funktion haben sie?
Bastian: Wir sehen heute eine Welt, in der jedes Unternehmen mit fragmentierten und verstreuten Daten kämpft. Daten liegen in verschiedenen Clouds, in unterschiedlichen Formaten und in verschiedenen Regionen und unterliegen unterschiedlichen Datenschutz- und Compliance-Vorgaben. Kollaboration wird so langsam, komplex und riskant. Beacons sind unsere Antwort auf diese Herausforderung. Sie wurden speziell für den Einsatz in heterogenen Umgebungen entwickelt, für die heutige Realität extremer Fragmentierung und für eine neue Ära KI-getriebener Intelligenz.
ADZINE: Was ist der Unterschied zu bisherigen Lösungen?
Bastian: Der grundlegende Unterschied ist, dass Beacons die Technologie zu den Daten bringen, nicht die Daten zur Technologie. Es handelt sich um Cloud-native Anwendungen, die direkt in der Infrastruktur unserer Kunden laufen, zunächst auf Google Cloud, AWS und Microsoft Azure. Weitere werden folgen. Dadurch müssen keine Daten bewegt werden.
ADZINE: ...also weiterhin ein dezentrales Matching?
Bastian: Ja, wir haben schon immer auf dezentrales Matching gesetzt. Bei den Bunkern fand das Matching innerhalb dieser Bunker statt. Mit Beacons läuft es nun direkt in der eigenen Umgebung unserer Kunden.
ADZINE: Wie wird der Datenschutz gewährleistet?
Bastian: Wir stellen die Datensicherheit auf drei konkrete Arten sicher. Erstens nutzen wir Trusted Execution Environments innerhalb des Kunden-Accounts, in denen die Daten verarbeitet werden. Zweitens setzen wir unsere patentierten mathematischen Modelle ein, um eine dezentrale Private-Set-Intersection über diese Trusted Execution Environments hinweg durchzuführen. Drittens unterliegen alle aggregierten Ergebnisse strengen Differential-Privacy-Mechanismen. Dabei handelt es sich um etablierte Privacy-Enhancing-Technologien, die in Kombination robuste Garantien für den Schutz der Daten und der Analysen bieten. Die Daten bleiben immer dort, wo sie sind. Unsere Technologie bewegt sich zu den Daten, nicht umgekehrt.
ADZINE: Welche technischen Voraussetzungen muss ich als Marke schaffen, damit das möglich ist?
Bastian: Sehr wenige. Wir haben die Plattform so flexibel wie möglich aufgebaut, damit Unternehmen unabhängig vom Reifegrad ihrer bestehenden Infrastruktur an datenschutzsicheren Datenkooperationen teilnehmen können.
ADZINE: ...was bedeutet das konkret?
Bastian: Verfügt eine Brand bereits über eine Cloud-Umgebung und First-Party-Daten, können Beacons direkt dort bereitgestellt werden. Eine hoch entwickelte Datenarchitektur ist jedoch keine Voraussetzung. Wo nötig, stellen wir die zugrunde liegende Infrastruktur bereit, auch für Organisationen, die noch keine eigene Cloud-Umgebung haben. Und selbst Brands ohne relevante First-Party-Daten können wir über private Datennetzwerke anbinden. So können sie von der geteilten Intelligenz profitieren, ohne alles von Grund auf neu aufbauen zu müssen.
ADZINE: Welche Rolle wird KI bei künftigen Daten-Kollaborationen im Markt spielen – und welche Rolle spielt sie bereits bei eurer Lösung?
Bastian: KI wird der Motor der nächsten Generation datenschutzsicherer Daten-Kollaboration sein. Sie spielt eine entscheidende Rolle dabei, dass Brands schneller den tatsächlichen Wert ihrer Daten ausschöpfen.
Ein wesentlicher Aspekt ist die Harmonisierung von Partnern und Datensätzen zu einem konsistenten, interoperablen Netzwerk, trotz unterschiedlicher Systeme, Formate und Umgebungen. Diese Komplexität war lange eine der größten Hürden für die Zusammenarbeit. KI ermöglicht es uns, einen Großteil dieser Arbeit zu automatisieren. Intelligente Agents können verborgene oder ‚unter der Oberfläche liegende‘ Signale in Datensätzen identifizieren, in eine nutzbare, konsistente Form überführen und kontinuierlich aktualisieren, wenn sich Daten oder Verhalten ändern. Kollaborationen werden dadurch nicht mehr statisch oder träge, sondern zu dynamischen, lernenden Systemen – ohne die Offenlegung von Rohdaten.
ADZINE: Wohin entwickelt sich die Art und Weise von Daten-Kollaboration? Ist ein Trend zu beobachten?
Bastian: Absolut. Multi-Party-Kollaboration ist der logische nächste Schritt. Die Gewinner werden nicht diejenigen sein, die die meisten Daten besitzen, sondern diejenigen, die Daten am intelligentesten vernetzen. Wir bewegen uns weg von bilateralen Partnerschaften hin zu vernetzten Ökosystemen, in denen ein einzelner Datensatz gleichzeitig sicher Insights für mehrere Partner generieren kann – dezentral und hochsicher. Wir sehen bereits jetzt die Entwicklung von Private Data Networks. Werbetreibende, Publisher und andere Unternehmen bauen ihr ganz eigenes Netzwerk mit Partnern auf, denen sie vertrauen.
ADZINE: Wie geht es weiter im datenbasierten Marketing – haben die meisten Marken ihren First-Party-Datenschatz schon gehoben – insbesondere hier in Europa? Oder ist da noch Luft nach oben?
Bastian: Wir stehen erst am Anfang. Die kommenden Jahre werden nicht von ‚mehr Daten‘, sondern von ‚besser vernetzter Intelligenz‘ geprägt sein. Marken müssen ihre Daten verantwortungsvoll über Teams, Partner und Cloud-Umgebungen hinweg verbinden. KI wird die tägliche Datennutzung grundlegend verändern: weg von statischen Segmenten hin zu dynamischen, kontextabhängigen Entscheidungen. Gerade europäische Brands sind bezüglich Governance und Compliance oft sehr gut aufgestellt, dennoch gibt es erhebliches Potenzial, wenn es darum geht, Daten partnerschaftlich und datenschutzsicher zu aktivieren.
ADZINE: Vielen Dank für das Interview, Alistair!
Tech Finder Unternehmen im Artikel
EVENT-TIPP ADZINE Live - ADZINE CONNECT Marketing. Tech. Media. 2026 am 26. Februar 2026, 09:30 Uhr
Die Zukunft von OPEN MEDIA zwischen IO, Programmatic, Agentic AI und den Walled Gardens! - Was tun in 2026? Jetzt anmelden!