Die Vermarkter-Rolle im Wandel: Vom Reichweitenverkauf zur Beratung
Anton Priebe, 29. Januar 2026Interview mit League-M
Der Technologie- und Dateneinsatz im Advertising war noch nie einfach und scheint dennoch immer komplexer zu werden. Damit verändern sich auch die Erwartungen der Werbetreibenden an die Vermarkter. Gefragt sind weniger standardisierte Pakete als vielmehr Antworten auf konkrete Geschäftsfragen, wissen Florian Lormes und Yvonne Stallmann von League-M. Der Spezialvermarkter geht dafür exklusive Partnerschaften mit internationalen Plattformen und Adtech-Anbietern ein. Damit verschiebt sich auch die eigene Rolle. Statt des reinen Verkäufers von Reichweiten werden Vermarkter zum beratenden Partner, der Daten und Technologie maßschneidert. Im Interview sprechen Stallmann und Lormes über Technologiepartnerschaften, die Evolution von Location-Daten und Folgen für die Vermarktung.
ADZINE: Wir haben in der jüngsten Vergangenheit vermehrt Vermarkter, aber auch Techanbieter gesehen, die auf exklusive Partnerschaften setzen. Warum kann Exklusivität ein strategischer Vorteil sein?
Florian Lormes: Seit unserer Gründung 2019 ist die League M Europe so positioniert, dass wir innovative Publisher und Plattformen exklusiv in unserem Markt vertreten – oft Lösungen, die international schon sehr erfolgreich funktionieren. Diese Exklusivität ermöglicht es uns, die Partner wie ein eigenes Team „on the ground“ zu repräsentieren und ihre Marke und ihr Inventar klar im Markt zu positionieren. Mit Taptap beispielsweise arbeiten wir besonders eng zusammen. Im Grunde genommen sind wir Taptap in DACH.
ADZINE: Wo liegt der Vorteil bei dieser engen Partnerschaft mit dem spanischen Taptap? Warum nicht mit Einzellösungen flexibel bleiben?
Florian: Wir setzen weiterhin auch auf unsere eigene Lösung – LME/DS – sowie auf weitere programmatische Partner, etwa im Gaming- und In-Game-Umfeld.
ADZINE: Inwiefern verändert sich dadurch eure Rolle als Vermarkter? Seid ihr dann nicht eher Adtech-Berater für die Kunden?
Florian: Ja, auch, denn die Beratungsrolle wird immer wichtiger. In unseren Kernbereichen – Daten, Technologie und programmatische Aktivierung – braucht es inzwischen fundierte Expertise, um Zielgruppen in hoch technologischen Umfeldern effektiv anzusprechen.
Yvonne: Absolut. Das ist sogar unser klarer Anspruch. Kunden wollen heute keine standardisierten Reichweitenpakete mehr, sondern Orientierung: Welche Daten haben Substanz? Wie lassen sie sich in wirksame Konzepte übersetzen?
Mit Partnern wie Taptap verschiebt sich unsere Rolle daher zunehmend hin zur strategischen Beratung. Wir beginnen beim Geschäftsproblem – zum Beispiel mehr Footfall, bessere Attribution oder höhere Kampagnen-Effizienz – und entwickeln darauf maßgeschneiderte Lösungen. Real-Life-Daten sind dabei kein Buzzword, sondern ein echter Performance-Hebel.
ADZINE: Was meint ihr mit “Real-Life-Daten”? Worin liegt der Unterschied zwischen digitalem und realem Verhalten?
Yvonne: Digitale Signale zeigen nur, was jemand online tut. Real World Behaviour geht einen Schritt weiter: Es beschreibt, wie Menschen sich tatsächlich bewegen – ihre Wege, Aufenthaltsorte und Routinen. Diese reale Umgebung ist oft entscheidend für Kaufentscheidungen.
Location-based-Lösungen verbinden digitale Informationen mit physischen Bewegungsdaten. Dadurch können Marken Botschaften genau in dem Moment ausspielen, in dem sie am relevantesten sind. Das steigert Relevanz, Markenwahrnehmung und die Bindung deutlich.
ADZINE: Die Kombination von Contextual und Location Data ist im Grunde genommen ein alter Hut. Warum sind „Real-Life-Daten“ anders?
Yvonne: Der Unterschied liegt in Präzision, Tiefe und der direkten Aktivierbarkeit. Viele Lösungen arbeiten mit statischen Standortdaten oder reinen Online-Signalen. Taptap kombiniert beides in Echtzeit.
Die Plattform verknüpft reale Bewegungsmuster, kontextuelle Signale und stabile deterministische Daten wie Haushaltsstrukturen oder Kaufkraft. So entstehen Zielgruppenprofile, die reale Verhaltensweisen abbilden – nicht nur theoretische Modelle. Und vor allem: Diese Daten lassen sich sofort in Kampagnen aktivieren, kanalübergreifend.
ADZINE: Was treibt die Entwicklung Richtung Real-Life-Daten aus eurer Sicht an und warum nimmt sie gerade jetzt Fahrt auf?
Florian: (lacht) Yvonne und ich haben 2016 bei O2/Telefónica gemeinsam an Location based Advertising gearbeitet. Wir beschäftigen uns also schon lange mit dem Thema. Die technologischen Möglichkeiten sind heute aber deutlich weiter. Kunden können Kampagnen inzwischen nahezu streuverlustfrei steuern.
Yvonne: Genau. Zum einen haben sich Technologie und Datenqualität enorm verbessert, sodass sich kontextrelevante, realitätsnahe Daten skalierbar nutzen lassen. Zum anderen erwarten Konsumenten heute Werbung, die zu ihrem Lebenskontext passt.
Der Markt bestätigt diesen Trend: Der globale Markt für Location-based Advertising wächst jährlich um rund 15 Prozent und soll bis 2030 etwa 300 Milliarden US-Dollar erreichen. Unternehmen investieren also gezielt in datenbasierte Strategien, um Wettbewerbsvorteile aufzubauen.
ADZINE: Welche Rolle werden Location- und Bewegungsdaten künftig im Mediamix spielen, wenn KI zunehmend in die Prozesse involviert ist?
Yvonne: Location- und Bewegungsdaten werden im KI-Zeitalter vom „Nice-to-have“ zum Pflichtbestandteil im Mediamix. KI-Modelle benötigen reale, relevante Signale, um Budgets intelligent zu optimieren – also zu bestimmen, wann, wo und über welchen Kanal ein Kontakt wirklich sinnvoll ist.
ADZINE: Welche Fähigkeiten müssen Vermarkter in den nächsten Jahren aufbauen, um im Markt für datengetriebene Werbung relevant zu bleiben?
Yvonne: Vermarkter müssen heute weit mehr leisten als klassische Mediaplanung. Entscheidend ist zu verstehen, welche Daten relevant sind, wie sie interpretiert werden und wie daraus sinnvolle Strategien entstehen.
Unsere Aufgabe ist es, Kunden dabei zu unterstützen, nicht nur Reichweite aufzubauen, sondern echte Geschäftsprobleme datenbasiert zu lösen. Datenkompetenz ist wichtig – aber nachhaltige Relevanz entsteht erst durch die Kombination aus Datenverständnis, Empathie und Kontextwissen. Nur so bleibt Marketing zukunftsfähig, besonders im Zeitalter der KI.
ADZINE: Danke für das Gespräch!
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