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MARKETING ENTSCHEIDER - Interview mit Paula Mejía, Wix

Die These “Websites sind tot” greift zu kurz

Sandra Goetz, 12. Januar 2026

Interview mit Paula Mejía, Wix

Bild: Wix Paula Ximena Mejía, Wix / Bild: Wix

Wix wurde 2006 in Tel Aviv gegründet und wird bis heute von Co-Founder und CEO Avishai Abrahami geführt. Was als reiner Website-Builder begann, hat sich zu einer Plattform für digitale Präsenz, E-Commerce und Online-Geschäftsprozesse entwickelt. Doch selbst für ein Unternehmen, dessen Kerngeschäft die Website ist, stellt sich angesichts von KI-Suche, Zero-Click-Ergebnissen und Large Language Models eine unbequeme Frage: Brauchen wir Websites in ein paar Jahren überhaupt noch? Paula Ximena Mejía, VP Marketing bei Wix, ist seit fast einem Jahrzehnt Teil des Unternehmens und trägt die globale Marketingverantwortung. Sie arbeitet von London aus, einem der internationalen Standorte von Wix. Die in Kolumbien geborene Marketingchefin hat vor ihrer Tech-Karriere in Afrika für die Afrikanische Entwicklungsbank gearbeitet und bringt eine bewusst globale Perspektive in die Debatte ein.

ADZINE: Paula, bevor wir über Wix und Technologie sprechen, lass uns über deinen Hintergrund reden. Du bist in Kolumbien geboren und hast früh in Afrika gearbeitet. Wie kam es dazu?

Paula Ximena Mejía: Sehr früh in meiner Karriere habe ich bei der Afrikanischen Entwicklungsbank gearbeitet, als Analystin für Tunesien, Libyen und Ägypten. Das war um 2010 herum, in einer politisch sehr bewegten Zeit. Man erlebt dort unmittelbar, wie eng wirtschaftliche Entwicklung, politische Stabilität und gesellschaftliche Realität miteinander verbunden sind. Das war anspruchsvoll, aber extrem prägend.

ADZINE: Danach bist du in den privaten Sektor gewechselt.

Mejía: Ja. Ich habe Economics und Political Science studiert, unter anderem an der London School of Economics. Das ist stark theoretisch und ich wollte verstehen, wie Dinge in der Praxis funktionieren. Deshalb bin ich in die Unternehmensberatung gegangen, unter anderem in London. Beratung ist eine sehr gute Schule für strategisches Denken, endet aber oft dort, wo es wirklich spannend wird, nämlich bei der Umsetzung.

ADZINE: ...und dann kam Wix.

Mejía: Genau. Als ich nach Tel Aviv gezogen bin, war Wix eines der spannendsten Tech-Unternehmen vor Ort. Ich arbeite inzwischen seit rund neun Jahren bei Wix und verantworte das Marketing global, heute von London aus. Wix verändert sich ständig. Marketing heißt bei uns, sehr nah am Produkt zu arbeiten, viel zu experimentieren und schnell auf Veränderungen zu reagieren, gerade bei Themen wie KI.

ADZINE: Wix ist ein israelisches Unternehmen mit globaler Ausrichtung. Wie wichtig ist Lokalisierung, speziell für den deutschen Markt?

Mejía: Sie ist entscheidend. Unsere Plattform ist global skalierbar, aber Nutzer:innen-Erwartungen sind sehr lokal. In Deutschland spielen Vertrauen, technische Stabilität, Performance und SEO eine besonders große Rolle. Deutsche Nutzer:innen sind technologisch sehr versiert und entsprechend anspruchsvoll. Das Produkt bringt diese Qualitäten mit, unsere Aufgabe im Marketing ist es, sie verständlich und glaubwürdig zu vermitteln.

ADZINE: Ihr seid auch physisch in Deutschland präsent. Welche Rolle spielt der Standort Berlin?

Mejía: Eine wichtige. Unser Berliner Büro haben wir 2016 eröffnet, mitten in Mitte. Dort arbeiten heute rund 20 Kolleg:innen aus Bereichen wie UX Writing, Engineering und Customer Care. Für uns ist das kein reiner Vertriebsstandort, sondern ein Ort, an dem Produktnähe und Nutzer:innen-Perspektive zusammenkommen.

ADZINE: Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen europäischen Märkten?

Mejía: Deutschland ist stark auf technische Qualität und Verlässlichkeit fokussiert. In anderen Märkten, etwa Frankreich, wirken sich politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen stärker auf unternehmerische Entscheidungen aus. Dort wird eine Plattform wie Wix auch als Möglichkeit gesehen, mehr Unabhängigkeit aufzubauen. Internationale Skalierung funktioniert nur, wenn man diese Unterschiede ernst nimmt.

ADZINE: Die USA gelten als euer größter Markt. Wie ordnest du Europa ein?

Mejía: Die USA sind ohne Frage unser größter Markt, ebenso die englischsprachigen Länder. Wenn man jedoch nicht nur auf Volumen, sondern auf Premium-Nutzung schaut, spielt Europa eine zentrale Rolle. Deutschland steht hier sehr weit oben. Wir haben keine Lieblingsmärkte, aber es gibt Regionen, in denen Nutzer:innen besonders anspruchsvoll sind und unsere Plattform sehr intensiv nutzen. Deutschland gehört definitiv dazu.

ADZINE: Es heißt zunehmend, Websites seien bald nicht mehr nötig, weil KI Antworten direkt ausspielt und Nutzer:innen gar nicht mehr klicken. Was sagst du dazu?

Mejía: Diese These greift zu kurz. KI-Modelle funktionieren, indem sie bestehende Inhalte aus dem Internet aufnehmen, analysieren und verdichten. Diese Inhalte kommen von Websites. Websites verschwinden also nicht, sie verändern ihre Rolle. Gerade im E-Commerce oder bei Markenauftritten ist die Kontrolle über Darstellung, Storytelling und User Experience zentral.

ADZINE: Wix investiert stark in KI. Welche Rolle spielt sie heute konkret?

Mejía: KI ist kein Zusatz mehr, sondern tief im Produkt verankert. Nutzer:innen können Websites per Prompt erstellen, Inhalte für SEO anpassen, Bilder generieren oder Geschäftsprozesse automatisieren. Dazu kommen E-Commerce, Buchungssysteme, CRM, E-Mail-Marketing und Analysefunktionen. Besonders wichtig wird die Frage, wie sichtbar Inhalte in KI-basierten Suchsystemen sind.

ADZINE: Verändert sich damit auch digitales Marketing grundlegend?

Mejía: Absolut. SEO bleibt relevant, reicht aber nicht mehr aus. Marketingteams müssen zusätzlich verstehen, wie Inhalte für Large Language Models aufbereitet werden. KI beschleunigt vieles, macht Inhalte aber nicht automatisch besser. Der Fortschritt entsteht erst, wenn KI strategisch eingesetzt wird.

ADZINE: Zum Schluss der Blick nach vorn. Was wird 2026 prägen?

Mejía: KI-basierte Kreation wird weiter zunehmen, vor allem über prompt-basierte Interfaces. Menschen werden direkter und dialogischer mit Technologie interagieren. Für Wix heißt das, Nutzer:innen dabei zu unterstützen, diese Entwicklung so zu nutzen, dass sie Sichtbarkeit, Kontrolle und echte Geschäftsergebnisse behalten.

ADZINE: Liebe Paula, wir danken dir für das Gespräch und wünschen viel Erfolg für 2026.

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