CORONA

Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Werbebranche

Christian Griesbach, 24. April 2020
Bild:  Free To Use Sounds – Unsplash

Von Publishern und Vermarktern über technische Dienstleister und Media-Agenturen bis hin zu Werbetreibenden betreuen wir seit Jahren Unternehmen in den Bereichen Marketing und Vertrieb bei der Analyse ihrer Strukturen und der gezielten Erweiterung ihrer Teams. Die aktuelle Krise hat natürlich auch die von uns beratenen Unternehmen “voll erwischt”. Wenn man sich derzeit mit den handelnden Personen in diesen Unternehmen unterhält, bestätigt sich der generelle Eindruck, dass die Situation von extremer Anspannung und von großer Verunsicherung geprägt ist – ein Kommentar.

Nicht nur die Tatsache, dass das aktuelle Geschäft teilweise massiv beeinträchtigt ist, sondern auch die Frage, wann denn zumindest mit einer relativen Normalisierung des Tagesgeschäftes gerechnet werden kann, führt bei den Beteiligten in den Unternehmen zu einerseits recht einheitlichen, aber teilweise auch ganz unterschiedlichen Reaktionen. Viele Firmen haben mittlerweile auf Kurzarbeit umgestellt und annähernd alle Unternehmen lassen den Großteil ihrer Angestellten vom Home Office aus arbeiten. Alle unsere Ansprechpartner gehen aber davon aus, dass sich die Marktlage früher oder später wieder soweit stabilisieren wird, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und dadurch auch die Situation für die Mitarbeiter wieder normalisieren werden.

Sparmaßnahmen bringen Recruiting-Prozesse auf Unternehmensseite annähernd zum Erliegen

Vor diesem Hintergrund zeigen sich die Unterschiede im Umgang mit dieser Herausforderung auch bei der Beantwortung der Frage, wie die Marktteilnehmer mit bereits gestarteten und geplanten Projekten für die Neueinstellung von Personal verfahren.

Vor allem bei börsennotierten Unternehmen scheint auch in Zeiten einer allgemein akzeptierten Krise das Gefühl der Verpflichtung stark ausgeprägt zu sein, weiterhin “gute Zahlen abliefern” zu müssen. Wenn also die Umsatzseite unter Druck gerät, wird versucht, möglichst kurzfristig Einsparungspotentiale auf der Kostenseite zu realisieren.

Der überwiegende Teil der Firmen hat die Suchen nach ursprünglich dringend benötigter Verstärkung deshalb bis auf Weiteres “auf Eis” gelegt. Also sowohl bereits laufende Recruiting-Prozesse gestoppt beziehungsweise pausiert und geplante neue Suchen gar nicht erst gestartet. Im Extremfall wird sogar darüber nachgedacht, bereits eingestellte Mitarbeiter während der Probezeit oder noch vor dem Start ihres neuen Beschäftigungsverhältnisses direkt wieder zu kündigen. Begründet wird diese Vorgehensweise mit der aktuell fehlenden Planungssicherheit, die wirtschaftliche Lage und Perspektive betreffend.

Dies mag einerseits nachvollziehbar sein, um wirtschaftlich zumindest kurzfristig “gut dazustehen”, ist aber vor dem Hintergrund der allgemeinen Überzeugung, dass sich die Marktbedingungen mittelfristig wieder normalisieren werden, zumindest diskutabel. Denn auch wenn der noch vor Kurzem in unserer Branche vielbeschworene “War for Talent” derzeit zum Erliegen gekommen zu sein scheint, so wird hochqualifiziertes Personal zeitnah wieder dringend benötigt und händeringend gesucht werden.

Insofern ist es eigentlich auch nicht überraschend, dass es durchaus noch Unternehmen gibt, die ihre Suche nach Personal auch in der aktuell schwierigen Marktlage unvermindert fortsetzen.

Auch die wechselwilligen Arbeitnehmer warten zumeist erstmal ab

Allerdings fällt es diesen Unternehmen derzeit schwerer geeignetes Personal zu finden als noch vor der Krise. Dies liegt vor allem am ausgeprägten Sicherheitsdenken deutscher Arbeitnehmer. Selbst Mitarbeiter, die grundsätzlich einem Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber aufgeschlossen gegenüberstehen, tendieren derzeit eher dazu erst einmal abzuwarten, wie sich die Gesamtsituation im Markt entwickelt, bevor sie in Erwägung ziehen ihr aktuelles Arbeitsverhältnis zu kündigen, um sich auf eine neue Mission zu begeben.

Die Tatsache, dass Auswahl- und Vorstellungsgespräche im Moment lediglich virtuell, also über Skype, Zoom, et cetera geführt werden, erschwert die Bewerbungsprozesse zusätzlich.

Denn spätestens für die finale Entscheidung bleibt es sowohl für Kandidaten wie auch Unternehmen unabdingbar, dass man sich mal “an einen Tisch setzt”; sich in die Augen geschaut und eine Einigung ganz klassisch per Handschlag besiegelt hat. Videointerviews werden diesen Schritt bei der gegenseitigen Entscheidungsfindung niemals ersetzen können. Aber diese persönlichen Treffen werden schon kurzfristig wieder realisierbar sein bzw. finden derzeit auch noch bzw. bereits wieder statt.

Auch deshalb dürfen grundsätzlich wechselwillige Arbeitnehmer als auch weiterhin beziehungsweise zukünftig wieder einstellungsfreudige Unternehmen sicherlich optimistisch sein, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Digitalwirtschaft schon bald wieder soweit stabilisieren werden, dass sich auch der Arbeitsmarkt und die Recruiting-Prozesse wieder entsprechend normalisieren. Die aktuelle Phase im Markt kann also durchaus auch als Chance begriffen werden, sich gegenüber Wettbewerbern auf Unternehmens- wie auch Kandidatenseite durch weiterhin aktives Handeln einen möglichen Vorteil zu sichern. Durch Zaudern und Abwarten sind noch selten erfolgreiche Unternehmensgeschichten und Berufskarrieren geschrieben worden.

Für die derzeitige Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Digitalbranche gilt zusammenfassend:

  • Die Lage ist für Unternehmen und Arbeitnehmer von großer Verunsicherung geprägt.
  • Der Personalmarkt ist annähernd, aber nicht komplett zum Stillstand gekommen.
  • Videointerviews werden das persönliche Gespräch nicht ersetzen können.
  • Die Krise bietet zugleich Chancen.
  • Es gibt auch am Ende dieses Tunnels Licht!
Christian Griesbach Über den Autor/die Autorin:

Christian Griesbach ist seit Januar 2019 Managing Partner der Personal- und Unternehmensberatung DESPOVE in Hamburg. Davor war er 20 Jahre in leitenden Positionen in der digitalen Vermarktungs- und AdTech-Branche tätig, zuletzt unter anderem bei Teads und Axel Springer.