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STUDIEN & ANALYSEN

Das Smartphone - der digitale Zeitungskiosk als Gatekeeper von Newsprodukten

Von Jens T. Möller, Analyst
4. März 2019
Bild: Lora Ohanessian; CC0 - unsplash.com

Unser tägliches Leben ist geprägt durch eine Flut von Nachrichten aus allen Bereichen modernen Lebens. Wir wachen mit ihnen auf und gehen mit ihnen ins Bett. Die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse dient in diesem Kontext nicht selten der Meinungsbildung über politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen. Dabei haben sich die Kanäle der redaktionellen Berichterstattung im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich verändert. Das Internet, die digitale Welt haben unseren Konsum von redaktionellen Inhalten extrem verändert, die aktuell stärkste Kraft in diesem Veränderungsprozess heisst Smartphone.

Nach aktueller Mediennutzungsanalyse lässt sich die mediale Internetnutzung der deutschen Bevölkerung in drei Teilbereiche aufsplitten: Nutzung und Konsum audiovisueller und redaktioneller Inhalte, Individualkommunikation sowie sonstige Internetnutzung. Hierbei fallen Nachrichten eindeutig in die erste Kategorie. Wo früher noch Print und TV die vorherrschenden Medienkanäle für News waren, übernimmt heute zunehmend die digitale Welt die Distribution von redaktioneller Berichterstattung. Zwar ist das klassische lineare TV weiterhin die Hauptquelle für Nachrichten –2018 verwenden 74 Prozent der Deutschen den Fernseher für News –, jedoch nimmt die Bedeutung dieses Nachrichtenkanals seit Jahren kontinuierlich ab.

Reuters Institute - Digital News Report 2018  » Vergrösserung

Wie die Ergebnisse des „Digital News Report 2018“, den das Reuters Institute in Zusammenarbeit mit YouGov erstellt hat, zeigen, erfahren auch Zeitungen und Magazine im Print-Format seit Jahren einen Rücklauf als Quelle für Nachrichten und werden 2018 noch von 37 Prozent der Deutschen genutzt. Online wiederum dient für 65 Prozent der deutschen Bevölkerung als Nachrichtenquelle und nähert sich somit zunehmend TV an.

Für den Report wurden 74.000 Menschen in 37 Ländern zu ihrem Nachrichtenkonsum in einer Online-Umfrage befragt. In der Analyse zeigt sich, dass mobile Endgeräte als Devices für Nachrichten immer stärker an Bedeutung gewinnen, gleichzeitig aber Social Media als Vehikel in diesem Kontext an Bedeutung verliert.

Abnehmende Bedeutung von Social Media im Nachrichtenkonsum

Die Deutschen konsumieren Nachrichten zunehmend digital und mobil. Rund 47 Prozent der Befragten geben an, das Smartphone für News zu verwenden. 19 Prozent der Befragten verwenden ein Tablet. Im internationalen Vergleich liegen die deutschen Verbraucher hierbei aber zurück. Insgesamt geben weltweit 62 Prozent aller Befragten an, dass sie das Smartphone für Nachrichten verwenden. Der stationäre Computer und Laptop stagnieren hingegen als Nachrichtenkanäle. Es kann also davon ausgegangen werden, dass das Smartphone zukünftig zum Hauptgerät für Nachrichtenkonsum wird. In der Vergangenheit zeigte sich diesbezüglich eine Vormachtstellung von Social-Media-Plattformen als Distributionskanal für Nachrichten. Gerade jüngere Generationen verwendeten überwiegend Facebook und Co., um Nachrichten zu lesen. Die Studie zeigt dennoch eine Stagnation dieser Nachrichtenplattformen und eine gesteigerte Nutzung von Messenger-Apps für die Übermittlung von redaktioneller Berichterstattung. So geben 24 Prozent der deutschen Studienteilnehmer an, Facebook für Nachrichten zu verwenden, während 14 Prozent bereits jetzt WhatsApp als Nachrichtenkanal nutzen. In Ländern wie Finnland, Argentinien und Malaysia ist WhatsApp sogar der Hauptkanal für den mobilen Nachrichtenkonsum.

Im Zuge des digitalen Journalismus gewinnen auch News-Apps und Mobile Notifications weiterhin an Bedeutung. Laut Reuters sind mobile News-Benachrichtigungen und Nachrichten-Apps die am schnellsten wachsenden Kanäle in der digitalen Berichterstattung. 10 Prozent der Deutschen geben in der Studie dabei an, in der letzten Woche eine News-Benachrichtigung auf dem Handy bewusst erhalten zu haben. Die Ergebnisse der PwC-Studie „Bevölkerungsbefragung zur Nutzung von Online-Medienangeboten“ verdeutlichen dabei, dass 47 Prozent der Deutschen zumindest häufig Nachrichten-Apps verwenden, um sich über aktuelle Ereignisse zu informieren. Darunter befinden sich äußerst viele Zeitungs-Apps. Der Bundesverband Deutscher Zeitungen (BDZV) schätzt, dass auf dem deutschen Markt mehr als 600, überwiegend gebührenfreie, Zeitungs-Apps existieren. Eine Dissertation von Shin-Lian Lee zum Thema „App-News via Smartphone – Die Zeitung der Zukunft?“ greift diese Zahlen auf und zeigt, dass gemessen an den mobilen Visits Bild und Spiegel die erfolgreichsten Zeitungen im mobilen Endkonsum sind. Der Report „The State of Mobile 2019“ vom Mobile-Analytics-Unternehmen App Annie bestätigt dies. Demnach hat Bild, gemessen an den Konsumentenausgaben, die neunterfolgreichste App in Deutschland.

Mehrheit der Deutschen zahlt nicht für Online-News

Der absolut überwiegende Anteil von Online-News wird kostenlos konsumiert. Gerade einmal 8 Prozent der Deutschen haben laut Reuters im vergangenen Jahr für online erhältliche Nachrichten bezahlt. Deutschland zählt damit zu den Schlusslichtern im internationalen Vergleich. Verglichen dazu zahlen Norweger und Schweden mit Abstand am meisten für digitale Berichterstattung und sind auch bereit, höhere Summen zu zahlen. 30 Prozent der Norweger und 26 Prozent der Schweden zeigen hier eine durchaus höhere Zahlungsbereitschaft.

Die Finanzierung deutscher Nachrichten-Websites und -Apps erfolgt somit großteils werbebasiert. Durch den Einsatz von Adblockern verringert sich tendenziell die Werbereichweite. Auf dem Smartphone haben in Deutschland allerdings lediglich 10 Prozent der Befragten einen Adblocker installiert. Mobile scheint somit auch zukünftig für die Werbebranche im Bereich der redaktionellen Berichterstattung weiterhin eine wichtige Bedeutung zu haben. Über alle digitalen Kanäle hinweg liegt die Nutzungsquote von Adblockern jedoch deutlich höher. 33 Prozent der von Reuters deutschen Befragten verwenden einen Adblocker. Im Vergleich zu 2017 zeigt sich hierbei ein Anstieg von 5 Prozent. Die Werbereichweite wird dabei stark eingeschränkt. Die Studie von PwC zeigt darüber hinaus, dass sich viele deutsche Nutzer anstelle von bezahlten Nachrichteninhalten ein gebührenfreies Login-Modell vorstellen könnten, um somit den Verlagen Daten für personalisierte Werbung zur Verfügung zu stellen – ein Ansatz, der aktuell auch andere Bereiche der digitalen Welt betrifft.

PwC - Bevölkerungsbefragung zur Nutzung von Online-Medienangeboten  » Vergrösserung

Verminderte Aufmerksamkeit bei mobilem Nachrichtenkonsum

Unser Medienkonsum verändert sich zunehmend und macht auch vor der deutschen Nachrichtenlandschaft nicht halt. Zwar ist das klassische lineare Fernsehen weiterhin die Hauptquelle für Nachrichten, dennoch werden News immer häufiger online, vor allem mobil konsumiert. News-Apps und Mobile Notifications haben hierbei die Vormachtstellung im mobilen Nachrichtenkonsum inne. Durch die geringe Zahlungsbereitschaft der Deutschen für aktuelle Berichterstattung wird auch in absehbarer Zukunft die Monetarisierung durch Werbung im deutschen Publisher-Markt vorherrschen. Um auch zukünftig die passenden Zielgruppen auf den Webseiten zu finden, könnten Log-in-Allianzen eine wichtige Rolle spielen. Diese ermöglichen das gezielte Ausspielen von personalisierter Werbung. Ein kleiner Wermutstropfen: Eine aktuelle Studie US-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler mit dem Titel „News Attention in a Mobile Era“ kommt zu dem Schluss, dass Nachrichten unter der Verwendung von mobilen Endgeräten mit verminderter Aufmerksamkeit gelesen werden. Dies könnte im Umkehrschluss auch die Werbewahrnehmung beeinflussen.

Takeaways
47 Prozent der Deutschen verwenden das Smartphone zum Lesen von News.

Nachrichten-Apps und Mobile Notifications sind die am schnellsten wachsenden Kanäle in der digitalen Berichterstattung.

Social-Media-Plattformen verlieren an Bedeutung als Distributionskanal für Nachrichten.

Werbung bleibt wichtige Finanzierungsquelle für Newsprodukte.

Verlags-Log-in-Modelle könnten Finanzierung kostenloser News-Plattformen verbessern und die Personalisierung von Werbung vereinfachen.