AUDIO - Interview mit Amy und Audioscale

Innovation als Motor für die Zukunft des Radios

Karsten Zunke, 11. März 2026

Interview mit Amy und Audioscale

Bild: Gavin Phillips – Unsplash

Der Audiomarkt wandelt sich zusehends. Während das lineare Radio seine Reichweitenstärke behauptet, treiben Automatisierung und generative KI die Evolution in Richtung Digital Audio massiv voran. Die Branche sucht dabei verstärkt nach Wegen, um die Effizienz der digitalen Welt mit der emotionalen Kraft des klassischen Radios zu verknüpfen. Nico Aprile, Gründer und CEO des Hamburger Audiospezialisten Amy, und Andreas Schilling, Partner und CEO der Amy-Consulting-Tochter Audioscale, sprechen im Interview darüber, wie verschiedene Werbewelten technologisch verschmelzen und warum Mut zur Innovation über die Zukunft der Gattung Radio entscheidet.

ADZINE: Es gibt aktuell einen starken Run auf KI-Lösungen. Ihr habt kürzlich ein KI-basiertes Tool für die Erstellung und Buchung von Radiospots übernommen. Was versprecht ihr euch strategisch davon?

Bild: Amy Nico Aprile, Amy

Nico Aprile: Unser Ziel ist es, den Zugang zur Audiowerbung zu demokratisieren. Das Tool wurde ursprünglich sehr agil entwickelt und funktioniert sowohl als Stand-alone-Lösung für große Player als auch als Plattform für kleinere Sender. Die Chance bestand darin, eine Technologie zu integrieren, die der Markt schlichtweg braucht: Ein Tool, das den Zugang zu Audiowerbung insbesondere für regional ausgerichtete KMUs erleichtert. Bisher war für solche Unternehmen der Weg zur klassischen Spot-Produktion sehr hürdenreich. Diese Barriere wird nun massiv gesenkt.

ADZINE: Das Tool ist KI-basiert und verspricht, Audiospots quasi per Knopfdruck zu erstellen. Wie genau sieht dieser Prozess aus?

Aprile: Es geht um weit mehr als nur die Spot-Erstellung; es ist eine geführte Buchungslogik. Man definiert das Gebiet, die Zielgruppe und das Budget. Die integrierte generative KI funktioniert im Grunde via Prompt: Man gibt die Kernbotschaft ein – etwa die Eröffnung eines neuen Geschäfts – und erhält sofort Textvorschläge. Diese lassen sich verfeinern, mit einer Stimme und einem Musikbett hinterlegen und innerhalb kürzester Zeit ist der Audio-Spot einsatzbereit. Das macht Audio-Marketing so leicht zugänglich wie Google Ads oder eine Social-Media-Buchung.

ADZINE: Rückt euer Fokus damit auf die Demand-Side? Ihr positioniert euch als Marktplatz …

Aprile: Ein Marktplatz lebt zwingend von beiden Seiten. Der Fokus lag zu Beginn auf dem Angebot, da Radio technologisch erst einmal für die digitale Werbewirtschaft bereit gemacht werden musste. Wir haben beim Angebot angefangen, sehen aber jetzt den großen Bedarf, die Demand-Seite mit modernen Werkzeugen abzuholen.

Bild: Audioscale Andreas Schilling, Audioscale

Andreas Schilling: Solche Tools sind nicht als Insellösung zu verstehen. Man muss sie im Gesamtkontext mit unseren anderen Systemen sehen. Wir bieten dem Nachfragemarkt ein konvergentes Angebot aus klassischen Radio- und Digital Audio-Inventaren an. Es ist ein Baukasten-System, auf das Agenturen ebenso zugreifen können wie KMUs. Wir sehen uns als zentraler technologischer Marketplace für Programmatic Radio und Audio in all seiner Vielfalt.

ADZINE: Programmatic Radio bedeutet unter anderem, dass lineare Werbung digital gebucht und programmatisch gehandelt wird. Wie gelingt die Harmonisierung zwischen klassischer und digitaler Werbewelt?

Aprile: Der entscheidende Hebel liegt in der Verknüpfung der verschiedenen Buchungsströme innerhalb eines zentralen Traffic-Systems. Dadurch können wir die unterschiedlichen Quellen – nationale, regionale und digitale Vermarktung – an einer Stelle bündeln. Das Ergebnis ist eine saubere Harmonisierung direkt im Werbeblock: Die digital gebuchte Werbung landet nahtlos neben den klassischen Kampagnen. Die Technologie stellt dabei sicher, dass automatisierte Ausschlusskriterien greifen, damit etwa nicht zwei konkurrierende Marken direkt hintereinanderlaufen. Wir steuern diese Prozesse vom Verkauf, bis hin zum automatisierten Abspielen und bringen die Werbung so direkt auf die Antenne.

ADZINE: Radio gilt als traditionell und häufig ist es linear. Welche Entwicklungen seht ihr aktuell im Programmatic-Markt?

Schilling: Man muss differenzieren: Programmatic Radio auf der klassischen Strecke umfasst primär die Automatisierung von Prozessen. Aber der Markt lernt schnell. Während auf Publisher-Seite oft noch Missionierungsarbeit geleistet werden muss, sind Agenturen durch ihre Erfahrungen, insbesondere im Digital- und Bewegtbildbereich längst einen Schritt weiter. Sie erkennen die Vorteile, wenn klassische Radio-Kampagnen nach programmatischen Standards gebucht werden können – wie zum Beispiel die präzise regionale Aussteuerung.

Aprile: Ein wesentlicher Benefit ist die Erschließung neuer Kundensegmente. Ein Beispiel ist die Marke Sonos, die zuvor nie Radio gebucht hatte, weil sie rein digital-programmatisch dachte. Über automatisierte Standards entdecken solche Player das Medium plötzlich neu. Der nächste logische Schritt ist die vollständige Konvergenz: Die Verbindung von linearem Radio mit Digital-Audio-Inventaren über mathematische Modelle, um die Reichweite des Radios mit der Präzision digitaler Kanäle zu verstärken.

ADZINE: Welche Rolle spielt die mögliche Regionalisierung? Bisher war der nationale Radiomarkt ja eher starr strukturiert.

Aprile: Genau das bricht jetzt auf. Klassische nationale Kombis bieten oft kaum granulare Aussteuerungsmöglichkeiten. Ein programmatischer Ansatz erlaubt es hingegen, flexibel nach Postleitzahlen zu buchen – ideal für klassische regionale Werbungtreibende, wie zum Beispiel Möbelhäuser, die nur in ihrem direkten Einzugsgebiet werben wollen.

Andreas SchillingUnser Ansatz ermöglicht die reale Konvergenz der Werbekanäle ‚Digital Audio‘ und ‚Linear Radio‘. Die Möglichkeit der granularen Aussteuerung von Digital Audio wird um die starken Reichweiten von Radio ergänzt. Kernaspekt ist die zielgruppenaffine Validierung in einer konvergenten, programmatischen Audio-Werbekampagne. Zudem wird das sogenannte ‚Short-Term-Business‘ möglich: Während Radio-Kampagnen früher Tage im Voraus feststehen mussten, können heute laufende Kampagnen kurzfristig und gezielt mit programmatischen Buchungen verstärkt werden. Das schafft einen echten Mehrwert für den Markt.

ADZINE: Wo geht die Reise technologisch hin? Welche Trends werden die kommenden Jahre prägen?

Aprile: Effizienz ist das alles entscheidende Thema. Automatisierung schafft die Basis, aber KI wird künftig vor allem im Yield-Management und in der Kampagnensteuerung den Unterschied machen. Wenn Preise flexibler werden und nicht mehr nur über Preferred Deals laufen, braucht es Algorithmen, um den optimalen Preis in Echtzeit zu finden. Auch in der Mediaplanung wird KI in Kürze zum Standard gehören. Generative KI wird zudem die Media-Berater unterstützen, indem sie Werbekunden in Sekundenschnelle zeigen können, wie sich ihr Produkt audiotechnisch anfühlt.

ADZINE: Lasst uns noch einen Blick auf die Gattung werfen: Hat das klassische Radio in einer Welt von On-Demand und Streaming überhaupt noch eine Zukunft?

Aprile: Radio ist vielleicht das letzte echte Massenmedium. Es herrscht zwar ein großer Transformationsdruck, aber die Geschichte zeigt: Kein Medium verschwindet jemals komplett.

Schilling: Es stellt sich vielmehr die Frage nach der Interpretation von „Hören“ im Kontext digitaler Entwicklungen. Hier ist und bleibt Audio – neben Bewegtbild und Social Media – eine tragende und zunehmend relevante Säule für den Werbemarkt. Und darin liegt die Chance, auch in der engen Verzahnung von Audio mit anderen Kanälen, insbesondere mit Digital-Out-of-Home und Retail Media. Denn hier gibt es beispielsweise gleichermaßen Potenziale und Überschneidungen zu Werbungtreibenden, die in diesen Bereichen aktiv sind. Diese ehemals analogen Kanäle mit der digitalen Welt zu verknüpfen, ist ein hochinteressantes Spielfeld und bietet viele Möglichkeiten.

Aprile: Die Verlängerung der Botschaft vom Autoradio bis an den Point of Sale – beispielsweise im Supermarkt – ist auch eine logische Konsequenz der technischen Entwicklung. Was dem deutschen Markt momentan aber noch fehlt, ist der Mut und die Ideen-Freude, die man in Ländern wie England oder Tschechien beobachten kann. Dort wird massiv in innovative Lösungen investiert, während in der deutschen Radiosender-Landschaft oft das Cost-Cutting dominiert. Aber ein Markt ohne neue Ideen trocknet aus – Innovation ist daher eine Überlebensstrategie für die Gattung Radio.

ADZINE: Vielen Dank für das Interview, Nico und Andreas!

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