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ADTECH - Interview mit Nasir Khawaja, Silverpush

Die DSP ist heute Infrastruktur – die eigentliche Intelligenz entsteht davor

Anton Priebe, 28. Januar 2026

Interview mit Nasir Khawaja, Silverpush

Bild: Roman Varnava (роман варнава) – Adobe Stock Bild: Roman Varnava (роман варнава) – Adobe Stock

Vorgelagerte Daten-Layer wie im Rahmen von Curation sollen den Mediaeinkauf intelligenter machen. Das singapurische Martech-Unternehmen Silverpush glaubt, mit seinem Targeting-Ansatz sogar die dicken Wände zwischen den Walled Gardens und dem Open Web perforieren zu können. VP DACH Nasir Khawaja erläutert im Interview, warum Youtube und CTV im Allgemeinen nur mit zusätzlichen Intelligenzschichten wirklich effizient werden und weshalb die Zukunft des Mediaeinkaufs weniger in neuen Plattformen als in besserer Zusammenarbeit liegt.

Bild: Silverpush Nasir Khawaja, Silverpush

ADZINE: Silverpush wurde 2012 in Singapur gegründet, ist aber erst seit letztem Jahr im DACH-Markt aktiv. Ich habe euch zunächst als DSP bezeichnet – das seid ihr aber gar nicht. Was bringt ihr also in den Markt?

Nasir Khawaja: Wir betreiben eine Contextual-Intelligence-Plattform. Wir fokussieren uns darauf, Video-Kampagnen über Youtube, CTV und das Open Web hinweg skalierbar zu machen. Dieser Ansatz hat sich in APAC bereits bewährt. Jetzt bringen wir unsere Technologie nach Europa und in die USA.

ADZINE: …das klingt im ersten Moment nicht neu?

Khawaja: Contextual ist für uns auch kein neuer Trend. Wir arbeiten seit sechs bis acht Jahren damit, seit der Gründung. Auch AI ist von Anfang an Teil unserer DNA. Wir sind kein Follower eines Contextual- oder AI-Hypes, sondern haben das schon immer als Kern unserer Lösung gesehen.

ADZINE: Damit bewegen wir uns im Bereich Targeting. Wo genau kommt bei euch KI zum Einsatz? Bei der Analyse der Videos?

Khawaja: Unsere KI greift auf Entscheidungsebene und nicht nur auf der reinen Targeting-Ebene an. Wir nutzen sie zur Interpretation von Content- und Kontext-Signalen und steuern damit die gesamte Planung, Aktivierung und Optimierung der Kampagnen.

Dabei analysieren wir bewusst nicht die Videodateien selbst, sondern trainieren unsere Modelle mit großen Mengen an Metadaten, Plattform-Signalen und historischen Performance-Daten. Daraus erkennen wir Muster und verstehen, wo und wann ein Video für ein bestimmtes Ziel am besten funktioniert.

ADZINE: Das heißt, Youtube spielt eine zentrale Rolle?

Khawaja: Absolut. Youtube ist ein sehr großer Bestandteil der Contextual-Video-Lösung für Total Video.

ADZINE: Ihr nutzt also bestehende DSPs, statt eine eigene zu bauen?

Khawaja: Genau. Wir arbeiten ganz bewusst mit bestehenden DSPs zusammen. DV360 ist dabei unsere primäre Umgebung für die Aktivierung. Das gilt insbesondere für Youtube und zunehmend auch für CTV.

Unsere Rolle ist der DSP technisch vorgelagert. Wir nutzen Contextual Intelligence, um Video-Umfelder zu kuratieren und klassifizieren. Diese Erkenntnisse aktivieren wir anschließend über die passenden DSPs. Die DSP übernimmt also die technische Ausführung, während die Intelligenz von uns kommt.

ADZINE: Wo entsteht dann heute die eigentliche Intelligenz im Mediaeinkauf?

Khawaja: In den letzten Jahren war „Curation“ das zentrale Schlagwort. DSPs kuratieren Daten oft sehr grob. Man wählt ein Segment und die DSP entscheidet, wo die Kampagne läuft.

Wir verlagern diesen Schritt nach vorne. Wir helfen Kunden, ihre eigenen Targetings strategisch zu kuratieren und bringen diese dann in die Walled Gardens. Wenn der Input smarter ist, wird auch der Output auf Youtube strategischer.

ADZINE: Wie offen seid ihr gegenüber anderen Datenplattformen?

Khawaja: Echter Impact entsteht nur, wenn Systeme kombiniert werden. Fragmentierung ist eines der größten Probleme der Branche. Deshalb sagen wir: Lasst uns Youtube mit anderen Technologien kombinieren, mit Adsquare oder anderen Partnern. Kunden sind bereit, in Technologie zu investieren, wenn sie echten Mehrwert sehen.

ADZINE: Warum übernimmt beispielsweise Google diese Daten-Veredelung nicht selbst?

Khawaja: Wir arbeiten mit den Daten, die über Google-APIs verfügbar sind, intensiver und strategischer. Unsere AI hilft uns, diese Datenmengen aufzubereiten, mit Open-Web- und Social-Media-Signalen zu kombinieren und in konkrete Taktiken zu übersetzen. Am Ende gibt es nichts völlig Neues mehr. Es geht darum, bestehende Dinge besser zu machen. In unserem Fall ist es das Youtube-Targeting, das wir verfeinert haben.

ADZINE: Zu Total Video gehört das Connected TV, das als Wachstumsmotor in Sachen Bewegtbild gilt. CTV ist in der Steuerung aber noch ziemlich rudimentär. Warum?

Khawaja: Aktuell reicht es oft, zu wissen, dass ein Ad Slot in einem Entertainment-Umfeld läuft – dann wird die Impression gekauft. Man könnte aber tiefer gehen. Über SSPs wie Pubmatic, Magnite oder Equativ lassen sich zusätzliche Metadaten nutzen. Wir gehen bei CTV bis zum Episode-Level-Targeting. Das heißt: Wir wissen, welche Serie, welche Staffel, welche Episode läuft, und können über Open-Web-Daten verstehen, was in dieser Episode passiert. Dadurch wird CTV deutlich strategischer.

ADZINE: Warum übertragen die Content-Anbieter die nötigen Daten nicht selbst in die Werbewelt?

Khawaja: Teilweise fehlen Partnerschaften, teilweise werden Daten bewusst zurückgehalten. Der Unterschied zwischen einem klassischen Private Market Place – einem PMP – und einem Episode-Level-CTV-PMP ist die Tiefe der Datenpunkte, die berücksichtigt werden.

ADZINE: Inwiefern hat sich die Rolle der DSP im Mediaeinkauf verändert?

Khawaja: Die DSP ist die Infrastruktur, das ausführende Organ. Die eigentliche Intelligenz liegt davor. Wir übersetzen Standard-Targetings in Taktiken, Sub-Taktiken und Trigger. Diese gehen dann in die DSP, die nur noch ausführt. Jedes Briefing ist anders. Ein Automotive-Segment, zum Beispiel männlich, 35 Jahre, reicht heute nicht mehr aus. Contextual muss individuell gedacht werden.

ADZINE: Was muss passieren, damit Video- und CTV-Advertising mit lauter Schichten nicht immer komplexer wird?

Khawaja: Der Push muss aus der Industrie kommen, von Advertisern und Agenturen. Dann entsteht auch Druck auf Publisher und Tech-Anbieter, strategische Partnerschaften einzugehen. 2026 wird aus meiner Sicht ein Jahr der Partnerschaften. Zugleich werden Agenturen die Anzahl ihrer Partner reduzieren, Effizienz wird entscheidend. Offene Total-Video-Anbieter haben dann einen Vorteil.

ADZINE: …wie ihr einer seid. Warum genau bist du zu Silverpush gegangen?

Khawaja: Zum einen wegen des Hebels im Walled-Garden-Budget. Dort Mehrwert zu schaffen, ist extrem relevant. Zum anderen wegen des Produkts und der Zusammenarbeit mit Agenturen. Und drittens wegen der AI-Produkte: nicht nur Machine Learning im Hintergrund, sondern AI zum Anfassen.

ADZINE: Danke für das Gespräch!

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