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STUDIEN & ANALYSEN

Panikmache mit der Rezession: Warum die Werbebranche sich (nicht) sorgen sollte

Jens T. Möller, Analyst, 27. September 2019
Bild: Nathan Dumlao; CC0 - unsplash.com

Steht der deutschen Wirtschaft eine Rezession bevor? Die Angst vor dem wirtschaftlichen Abschwung scheint allgegenwärtig zu sein und wirft man einen Blick in die hiesige Medienlandschaft, verstärkt sich dieser Eindruck noch weiter. Medienvertreter gehen dabei sogar so weit, Deutschland eine handfeste Wirtschaftskrise zu bescheinigen. Bei Marketern schrillen hier häufig schon die Alarmglocken, sind sie meistens doch die Ersten, die bei wirtschaftlichen Schieflagen durch Kürzungen und Stellenabbau betroffen sind. Grund genug also, einen objektiven Blick auf die aktuelle deutsche Konjunktur zu werfen.

Eine Rezession mag für die meisten Menschen erschreckend klingen. Laut dem Gabler Wirtschafts- und Banklexikon ist eine Rezession jedoch lediglich eine “Konjunkturphase, die durch leichte Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivitäten in vielen oder allen Bereichen der Volkswirtschaft gekennzeichnet ist. Demgegenüber wird eine starke Abschwächung als Depression bezeichnet.” Eine Rezession wird also erst dann wirklich gefährlich, wenn sie zu einer Depression angewachsen ist, darf jedoch zuvor auch nicht unterschätzt werden. Wenn die Medien also von einer drohenden Rezession in Deutschland sprechen, lohnt es sich die aktuelle Lage zu analysieren und der Werbebranche Gewissheit darüber zu geben, ob sie sich wirklich Sorgen machen sollte.

Die deutsche Wirtschaft wächst langsamer als bisher

Die gängigste Methode die Wirtschaftskraft eines Landes zu bestimmen, ist die Betrachtung seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) und der dazugehörigen Wachstumsrate. Prognosen dienen dabei dazu, die zukünftige Konjunkturentwicklung zu bestimmen. Anhand verschiedener Modelle und Annahmen versuchen Regierungen, internationale Organisationen und Wirtschaftsforscher die wirtschaftliche Zukunft eines Landes vorherzusagen. Diese Prognosen schwanken jedoch häufig stark und werden nach oben oder unten korrigiert.

Für die deutsche Wirtschaft schätzt die Bundesregierung in ihrer Prognose vom April ein Wachstum des BIP um +0,5 Prozent in 2019. Für das kommende Jahr werden hingegen +1,5 Prozent Wirtschaftswachstum vorhergesagt. Die EU-Kommission stimmt mit dieser Prognose überein. Die Bundesbank schätzt ein Wachstum des BIP im aktuellen Jahr um +0,6 Prozent, für 2020 um +1,2 Prozent. Der internationale Währungsfonds setzt leicht höher an und prognostiziert für 2019 ein Wachstum der deutschen Wirtschaft um +0,7 Prozent. Wirtschaftsinstitute wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sind dabei deutlich optimistischer und sehen ein BIP-Wachstum von +0,9 bis +1 Prozent im aktuellen Jahr voraus. Insgesamt schwanken die Wachstumsprognosen also von +0,5 Prozent bis +1 Prozent.

Tatsächlich würde die deutschen Wirtschaft damit langsamer wachsen als bisher. Noch im vergangenen Jahr zeigte sich hier eine Steigerung von +1,5 Prozent, 2017 wuchs die heimische Wirtschaft sogar um +2,2 Prozent. Würden sich die aktuellen Prognosen bewahrheiten, hätte Deutschland das niedrigste Wirtschaftswachstum seit der Weltwirtschafts- und Bankenkrise 2009. Grund genug für Medienvertreter Deutschland eine ausgewachsene Rezession zu bescheinigen.

Handelskonflikte und Protektionismus als Ursachen

Im Vergleich zu den Prognosen für den europäischen Wirtschaftsraum liegen die Vorhersagen für die deutsche Wirtschaft ebenfalls deutlich zurück. Die EU-Kommission geht davon aus, dass das BIP in den 19 Staaten der Euro-Währungsunion 2019 im Schnitt um 1,2 Prozent wachsen wird. Deutschland scheint demnach hinter anderen Staaten in seiner Wirtschaftskraft zurückzufallen. Gründe dafür sind vermutlich in vermehrten Handelskonflikten sowie dem Protektionismus anderer Staaten und wichtiger Handelspartner zu finden. Deutschlands Wirtschaftskraft ist in großen Teilen durch starke Exportüberschüsse geprägt.

Die Kaufkraft bleibt hoch

Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) sind die deutschen Exporte durchaus stabil, wachsen aber nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Für 2019 wird hier eine Steigerung von +2 Prozent vorhergesagt. 2020 sollen die deutschen Exporte aber wieder stärken zulegen und um drei Prozentpunkte wachsen. Die Importe dagegen werden im aktuellen Jahr deutlich zunehmen und +3,8 Prozent ansteigen. Die Exporte scheinen demnach zu stagnieren, während die Importe deutlich stärker wachsen und so Handelsdefizite hervorrufen können.

Die Kaufkraft der Deutschen bleibt dagegen ungebrochen hoch. Die Konsumausgaben privater Haushalte erfahren laut Prognose deutliche Steigerungen. 2019 sollen diese um +1,2 Prozent steigen, 2020 sogar um +1,6 Prozent. Wie von Medien und Wirtschaft propagiert, zeigt sich die Bevölkerung in Kauflaune. Auch die Konsumausgaben des Staates wachsen mit +2 Prozent stark an. Der Verbraucherpreisindex zeigt 2019 ein niedriges prognostiziertes Wachstum mit +1,5 Prozent. Die Inflation schreitet im Vergleich zu vergangenen Jahren somit langsamer voran. Die Arbeitslosigkeit soll in diesem Jahr weiter sinken. Das BMWi prognostiziert eine Erwerbstätigkeitsquote von 45,3 Prozent (Arbeitslosenquote von 2,2 Prozent). Einzelne Sektoren zeichnen demnach ein durchaus positives Bild der deutschen Wirtschaft.

Befindet sich die deutsche Wirtschaft tatsächlich in einer Rezession?

Folgt man der Definition einer Rezession, könnte man bei den aktuellen Prognosen für 2019 davon sprechen, dass Deutschland sich in einer ebensolchen befindet. Die deutsche Wirtschaft scheint sich abzuschwächen, das BIP wächst langsamer als in vorherigen Jahren. Gründe können in unsicheren Handelszeiten mit Handelskonflikten und Protektionismus wichtiger Handelspartner begründet liegen. Allerdings zeigen sich einzelne Bereiche der Wirtschaft stabil und mit deutlichen Wachstumspotenzialen. Dramatisch wird eine wirtschaftliche Entwicklung meist erst, wenn auch das Kaufvolumen der Bürger stark zurückgeht. Dies ist bisher aber nicht zu beobachten.

Viele Kreise der Wirtschaft interpretieren ein schwächeres Wirtschaftswachstum häufig als Beginn einer drohenden Wirtschaftskrise – ein Zug, auf den die Medien gerne aufspringen. Dabei sollte bei der vorliegenden Betrachtung nicht vergessen werden, dass die deutsche Wirtschaft 2019 aller Voraussicht nach wachsen wird, nur nicht mehr so stark wie in vergangenen Jahren. Führende Wirtschaftswissenschaftler warnen weiterhin seit Jahren schon davor, dass das BIP nicht allein und losgelöst als Wohlstands- und Wachstumsindikator Verwendung finden sollte. Konjunkturzyklen sind Normalität und zudem zeigen die Prognosen für das kommende Jahr wieder stärkere Wachstumspotenziale. Solche Prognosen sind zwar ein Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung, es handelt sich aber eben nur um Vorhersagen. Sie sind Fluch und Segen zugleich.

Dazu kommt dann die psychologische Komponente. Gehen die an der deutschen Wirtschaft beteiligten Parteien davon aus, dass harte Zeiten anbrechen werden, drosseln diese ihre Investitionen und Ausgaben. Somit kann dies eine tatsächliche Rezession eher auslösen oder verstärken – eine Tatsache, die deutsche Medien durch eine unkritische Berichterstattung noch befeuern. Einer der einflussreichsten Ökonomen der Moderne, John Maynard Keynes, hat dies erkannt und diesen Effekt als “Animal Spirits” bezeichnet. Er spricht dabei von irrationalen Elementen, unreflektierten Instinkten, Emotionen und Herdenverhalten im Wirtschaftsgeschehen: “Most, probably, of our decisions to do something positive, the full consequences of which will be drawn out over many days to come, can only be taken as the result of animal spirits – a spontaneous urge to action rather than inaction, and not as the outcome of a weighted average of quantitative benefits multiplied by quantitative probabilities.” Unternehmen und Marketer sollten also keineswegs in Panik verfallen. Am Ende ist immer noch jeder seines eigenen Glückes Schmied und Konjunkturprognosen treffen nur begrenzt zu.

Takeaways

  • Deutsche Medien propagieren eine Rezession der deutschen Wirtschaft.
  • Tatsächlich scheint diese langsamer als in vorherigen Jahren zu wachsen.
  • Handelskonflikte und Protektionismus anderer Staaten können diese Entwicklung zum Teil erklären.
  • Die Kaufkraft der Deutschen bleibt dagegen ungebrochen hoch.
  • Folgt man der Definition einer Rezession, könnte man bei den aktuellen Prognosen für 2019 davon sprechen, dass Deutschland sich in einer ebensolchen befindet.
  • Allerdings zeigen sich viele Bereiche der deutschen Wirtschaft stabil. Konjunkturzyklen sind Normalität und zudem versprechen die Prognosen für das kommende Jahr wieder stärkere Wachstumspotenziale.
  • Eine Überinterpretation der Prognosen und unreflektierte Berichterstattung kann eine tatsächliche Rezession verschlimmern.

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