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ADTECHNOLOGY

The ADEX-Übernahme: Virtual Minds sieht eigene Marktposition gestärkt

Von Jens von Rauchhaupt, 25. Januar 2017
dollarphotoclub.com / Adobe Stock bas121

Die Medien- und Technologie-Holding Virtual Minds AG hat den Berliner Data-Management-Plattformanbieter (DMP) The ADEX mehrheitlich übernommen. Das Adtech-Unternehmen aus Freiburg deckt nun aus eigener Kraft als sogenannter „Full-Stack-Anbieter“ die gesamte Technologiepalette für die datengetriebene und automatisierte Digitalwerbung ab. Die Übernahme versteht man in Freiburg als eine wichtige Weichenstellung für einen ambitionierten Wachstumskurs. Virtual Minds will Werbetreibenden, Agenturen und Publishern eine Alternative zu den US-amerikanischen Playern bieten. ADZINE sprach mit Andreas Kleiser, Vorstandssprecher, und dem Vorstand Joachim Schneidmadl der Virtual Minds AG sowie mit Dino Bongartz, CEO The ADEX, der auch weiterhin von Berlin aus die DMP leiten wird.

Zu den Kunden der Virtual-Minds-Unternehmen zählen schon jetzt große deutsche Verlags- und TV-Content-Vermarkter genauso wie internationale Agenturgruppen und einige Top-Werbungtreibende. Als strategische Investoren sind die ProSiebenSat.1 Group und die United Internet AG mit 51 bzw. 25,1 Prozent an der Virtual Minds AG beteiligt. Mit der vollständigen Übernahme von The ADEX komplettiert Virtual Minds sein Plattformangebot, das bereits aus dem First- und Third-Party-Adserver Adition, der Demand-Side-Plattform Active Agent und der Self-Side-Plattform Yieldlab besteht. Publisher und Werbetreibende können nun auch ohne US-amerikanische Technologie in das Programmatic Business einsteigen.

ADZINE: Herr Kleiser, die Virtual Minds AG hatte bereits Anteile an The ADEX, warum jetzt erst die vollständige Übernahme?

Andreas Kleiser

Andreas Kleiser: Virtual Minds hat The ADEX bereits seit der Gründung als Investor begleitet und hielt zuletzt ca. 25%. Nach massivem Wachstum hat The ADEX eine hohe technische Reife erreicht und sich als führender Anbieter in Deutschland etabliert. Damit war für uns der Nachweis erbracht: Sowohl das Produkt als auch das Team wie auch das Geschäftsmodell funktionieren. DMPs sind aus unserem Full-Tech-Stack heute nicht mehr wegzudenken. Aus unserer Sicht ist der Zeitpunkt daher gut gewählt und entspricht wie auch die Übernahme selbst unserer Strategie, die wir in der Vergangenheit auch bei anderen Beteiligungen sehr erfolgreich umgesetzt haben: früh investieren, den Erfolg des Managements und des Unternehmens fördern und begleiten, und, wenn sich das Unternehmen und die Märkte nach einigen Jahren so entwickelt haben, dass das Unternehmen strukturell gewachsen ist und strategisch eine große Relevanz erreicht, kommen wir immer als möglicher Käufer in Frage. The ADEX wurde seit unserem ersten Investment die größte unabhängige DMP-Technologie in der DACH-Region, und diese Position wollen wir mit der Übernahme sichern und ausbauen – die Betonung liegt dabei ganz bewusst auf unabhängig.

ADZINE: Virtual Minds ist seinerseits eine Tochter von ProSiebenSat1. Welche Rolle spielte die Konzernmutter bei der Übernahme?

Andreas Kleiser: Virtual Minds ist ein eigenständig agierendes Unternehmen und hat von seinen Shareholdern ProSiebenSat.1, United Internet und den von mir vertretenen Managementaktionären den klaren Auftrag, unabhängige Technologie für alle Publisher, Agenturen, Werbetreibenden und Vermarkter zu sein – und das auch zu bleiben. Es war daher nie eine Frage, wer die Entscheidung für die Übernahme von The ADEX trifft – wie gewohnt haben wir sie selbst getroffen. Natürlich spielt The ADEX eine wesentliche Rolle in unserem Tech Stack – und damit auch für unsere heutigen und zukünftigen Produkte sowie die Produkte unserer Shareholder. Aber sie hat diese Bedeutung eben auch für Kunden, die nicht an unserem Unternehmen beteiligt sind, und die entsprechende Unabhängigkeit ist allen Beteiligten sehr wichtig und wird ohne Diskussion so gelebt.

ADZINE: Sie verstehen sich mit ihren Adtech-Lösungen als Alternative zu den US-amerikanischen Anbietern: Wo sehen Sie die konkreten Vorteile sowohl für die Einkaufs- als auch für die Verkaufsseite, einen deutschen bzw. europäischen Anbieter einzusetzen?

Joachim Schneidmadl: Die sehen wir vor allem in der qualitativen wie auch der wirtschaftlichen Transparenz, den maximalen Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten, gerade auch im Hinblick auf die Monetarisierung, und den von Anfang an auf die Anforderungen des deutschen bzw. europäischen Datenschutzes ausgelegten Technologien. Hinzukommen unsere Marktnähe und unser langjähriges Markt-Know-how sowie die hohe Flexibilität unserer Lösungen. Wir wissen, was die Kunden im deutschen bzw. europäischen Markt benötigen – und sind in der Lage, das zu liefern.

ADZINE: Herr Bongartz, sehen Sie in mit der neuen E-Privacy-Richtlinie nicht die Gefahr, dass ab 2018 das Geschäftsmodell einer DMP grundsätzlich gefährdet ist?

Dino Bongartz: Grundsätzlich sind alle Geschäftsmodelle ständigen Anpassungen unterworfen, gerade durch Gesetzgebung und Regularien. Als deutscher bzw. europäischer Anbieter kommen wir bereits von einem sehr hohen Datenschutzniveau und konnten uns im Fall der neuen E-Privacy-Richtlinie lange darauf vorbereiten. Überdies ist ein Großteil unserer Dienstleistungen davon nicht betroffen.

ADZINE: Die Möglichkeit, neue Publisher zu gewinnen, ist ja für Virtual Minds eher endlich. DMPs sind ja vor allem ein Advertiserthema. – Ist also die Annahme richtig, dass sich Virtual Minds mit der Übernahme von The ADEX auch etwas neu ausrichtet und nunmehr vermehrt die Werbetreibenden mit einer Full-Stack-Lösung versorgen möchte?

Presse Virtual Minds AG , Joachim Schneidmadl Joachim Schneidmadl

Joachim Schneidmadl: Nein, das ist aus zweierlei Gründen nicht zutreffend. Zum einen sind wir schon längst eine Full-Stack-Lösung. Zum anderen richten wir uns nicht neu aus, sondern haben, zusammen mit dem Management von The ADEX, schon vor mehreren Jahren und damit sehr frühzeitig und lange vor anderen Playern erkannt, dass Daten und Data Management eines der zentralen Themen im digitalen Marketing und Mediageschäft sind und in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen werden. Unsere Positionierung war, ist und bleibt die eines neutralen Dienstleisters, der unabhängig marktangepasste Produkte so zur Verfügung stellt, dass Werbetreibende, Agenturen und Publisher bzw. Vermarkter ihr jeweiliges Geschäftsmodell und Business im digitalen Werbemarkt in Zukunft immer automatisierter, datengetriebener und damit effektiver und effizienter betreiben können.

ADZINE: Wo sehen Sie die Vorteile für den Advertiser, auf eine Full-Stack-Lösung zurückzugreifen statt auf den sogenannten „Best-in-breed“-Ansatz?

Joachim Schneidmadl: Wir sind ein Best-in-breed Full Stack, weil wir daran glauben, dass die nahtlose Integration von marktführenden Einzelkomponenten in einem immer mehr von Silos geprägten Mediamarkt die strategisch richtige Lösung für unsere Kunden ist – zumal in einem internationalen Kontext.

ADZINE: Nach einem guten Start hatte The ADEX Ende 2015 mit einigen Problemen zu kämpfen. Mitarbeiter haben den Standort Hamburg verlassen, auch soll es bei der Datensynchronisation zu Verzögerung gekommen sein; sieht man sich – was Mitarbeiter, Kundendienst und Technologie betrifft – wieder „voll in der Spur“?

Presse The ADEX, Dino Bongartz Dino Bongartz

Dino Bongartz: Wir hatten 2015 durch das schnelle, erfolgreiche Wachstum auf Kundenseite wie auch intern – wir haben in einem Jahr die Zahl der Mitarbeit verdreifacht – die Schwierigkeit, die neuen Mitarbeiter schnell genug zu integrieren. Technisch hatten wir aber jederzeit solide Abläufe und Strukturen. Unser Standort Hamburg ist mittlerweile wieder sehr erfolgreich. Wir haben daraus einiges in Bezug auf Wachstum und gutes Recruiting gelernt und sind seit über einem Jahr wieder sehr erfolgreich unterwegs mit zahlreichen Kundengewinnen im europäischen Raum.

Andreas Kleiser: The ADEX ist nach der Gründung furios gestartet und hat den Markt sehr schnell erobert – eine beeindruckende Erfolgsstory. Danach wurde der Weg steiniger – das Unternehmen musste lernen zu skalieren und zu wachsen, dieser Schritt bringt gerade für Softwareunternehmen regelmäßig Wachstumsschmerzen mit sich. Im Idealfall aber auch eine sehr steile Lernkurve. Erst wenn ein Unternehmen diese Hürde überspringt und die Lernkurve steil genug ist, kommt für uns als Virtual Minds der Erwerb der Mehrheit in Frage. Nach dem etwas schwierigeren Jahr 2015 haben uns Management und Mitarbeiter von The ADEX im vergangenen Jahr gezeigt, dass sie das Unternehmen im Griff haben. Das war für uns der richtige Zeitpunkt zuzugreifen.

ADZINE: Vielen Dank für das Gespräch!