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Immer wieder freitags

Karsten Zunke, 27. April 2007

Der Freitag ist ein besonderer Tag. Nach 15 Uhr verwaisen die Büros zusehends, viele Dauer-PC-Gucker aalen sich zu dieser Jahreszeit stattdessen in der Sonne oder läuten das Wochenende mit Freunden im Biergarten ein. Für viele Menschen ist es einfach der schönste Tag der ganzen Arbeitswoche. Aber nicht für alle. Denn immer wieder freitags geraten Traffic-Manager ins Schwitzen. Ohne Sonne. Nach 15 Uhr.

Damit steht fest: Der Freitag ist der mit Abstand schlechteste Tag, um mit einem Traffic-Manager am Telefon zu plaudern. "Für die Kampagnen, die am Montag starten, schicken uns die Agenturen freitags die Werbemittel zu. Und das passiert meist am späten Nachmittag", sagt Daniel Saal vom Vermarkter Netpoint-Media aus Nierstein am Rhein. Er ist ein sogenannter Campaign-Manager. Andere Anbieter wiederum würden diesen Job als Ad- oder Traffic-Manager bezeichnen. Auch wenn die Tätigkeiten im Detail theoretisch unterschiedlich sind, verbergen sich in der Praxis dahinter meist die gleichen Aufgaben. Diese Menschen sorgen für den Informationsfluss zwischen Kreativen, Media-Agentur, Vermarkter und Publisher. Aufträge müssen umgesetzt, Kampagnen betreut und Reports erstellt werden. Sie arbeiten bei Mediaagenturen und Onlinevermarktern.

Wer Bekannte fragt, was ein Traffic-Manager mache, erhält entweder die Antwort "Den Verkehr regeln?" oder "Das sind doch die Leute, die den Ad-Server bedienen.". Bei letzteren Worten fühlt sich ein Außenstehender spontan in den Maschinenraum der Titanic versetzt - umgeben von stampfenden Kolben, Lärm, Hitze und schweißgebadeten, hektisch umherwuselnden Arbeitern - den Ad-Managern. Sie steuern den Dampfdruck, stehen im Kontakt zum Kapitän, legen die Kohlen auf und müssen vor allem eins - pünktlich ihre Ziele erreichen.

Allein gegen die Uhr

"Der Zeitdruck ist oft enorm. Das Internet ist per se ein sehr schnelles Medium und Termine müssen gehalten werden. Das funktioniert aber nur, wenn der Workflow und die Kommunikation stimmen", sagt Markus Klinzing. Er arbeitet bei der Mediaagentur Mindshare in Frankfurt. Es sei keine Ausnahme, dass die freigegebenen Werbemittel über die Kreativagenturen sehr spät, oft zu spät eintreffen. "Wir haben Vorlaufzeiten von drei bis fünf Tagen - je nachdem wie aufwendig die Werbemittel sind. Und Vermarkter haben meist die gleiche Vorlaufzeit", erläutert Klinzing. So komme man schnell auf insgesamt zehn Tage Vorarbeit.

Werden die Vorlaufzeiten nicht eingehalten, kann es dann passieren, dass die Mediaagentur nur ein oder zwei Tage Luft hat, um die Kampagne aufzubereiten und zum Vermarkter zu geben. "In diesem Fall ist dann die ganze Improvisationskunst eines Traffic-Managers gefordert. Langweilig wird es nie", sagt Klinzing. Häufig sind Onlinekampagnen auch mit anderen Werbemaßnahmen wie TV-Spots gekoppelt. Termine müssen dann um jeden Preis gehalten werden. Organisationstalent, Stressresistenz und Durchhaltevermögen sind daher gefragte Fähigkeiten eines Traffic-Managers. "Es gibt oft Überstunden und manchmal auch Wochenendarbeit", sagt Klinzing. Aber den Kollegen bei den Vermarktern geht es nicht besser: "Man sollte mit wenig Schlaf auskommen", kommentiert Saal.
Eine Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht. Wer technikaffin ist, weiß, wie das Onlinebusiness tickt, und obendrein noch HTML und Java versteht, hat die Grundvoraussetzungen für den Job erfüllt. Multitasking, Kommunikationsbereitschaft und Stressresistenz sind die Kür für diese Arbeit im Backoffice.

Goldschmied gesucht

"Eine spezielle Ausbildung braucht man nicht, aber analytische Fähigkeiten und eine extreme hohe Sorgfalt - vergleichbar mit der eines Goldschmiedes", sagt Stefan Längin, Managing Director bei Planetactive in Düsseldorf. Ad-Manager müssen sich nicht nur mit Ad-Servern und Werbemitteln auskennen, sondern auch unzählige Daten eruieren, die meist in verzwickten Excel-Tabellen stecken. Wem hier ein kleiner Fehler unterläuft, wirft Analyse und Empfehlungen über den Haufen. "Diese Leute machen einen anspruchsvollen Job", lobt Längin. Aber auch bei Planetactive gibt es keinen Traffic-Manager im Wortsinn. Die Agentur unterteilt das Aufgabengebiet in Ad-Server Operator und Ad-Server Analysts.

Das Problem sind meist jedoch nicht die unterschiedlichen Bezeichnungen, sondern alle Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Während die Agentur sich mit der Kreativagentur und dem Vermarkter auseinandersetzen muss, ist der Vermarkter für die Einbindung der Werbemittel und die ständige Kampagnenbetreuung zuständig. Er unterhält zudem Vertragsbeziehungen zu den Website-Betreibern. Technische Probleme führen daher meist zu einem vierfachen Aufschrei: Werbekunde, Agentur, Vermarkter und Publisher wollen solche Probleme schnellstmöglich gelöst haben. Ausbügeln müssen es in der Regel die Traffic-Manager.

Technik ist nicht alles

"Die Arbeit wird einerseits leichter, weil man immer mehr Erfahrungen sammelt und dadurch auch scheinbar exotische Wünsche der Agenturen schnell umsetzen kann. Denn viele Sonderwünsche sind bereits Alltag geworden", erläutert Marco Steinert, Traffic-Manager beim Berliner Vermarkter Wallstreetmedia. "Schwerer macht es andererseits, dass alles nicht ganz so schnell funktioniert, wie man sich es erhofft. Denn es kommen immer häufiger Änderungswünsche und Ideen von den Agenturen, die sich nicht 1:1 umsetzen lassen. Wunsch der Agentur und Realität auf der Website klaffen häufig auseinander", sagt Steinert. Laut Klinzing werden die Werbemittel mit steigenden Bandbreiten auch immer aufwendiger und sind somit schwieriger umzusetzen. Auf der anderen Seite entwickle sich die Technik weiter, so dass dieser Aufwand weitestgehend ausgeglichen wird.

Aber nichtsdestotrotz: "Die Technik kann nicht alles abfangen", sagt Klinzing und prognostiziert: "Die Anforderungen an technisches Verständnis und Improvisationskunst werden daher in Zukunft weiter steigen. Es bleibt spannend." Und in Anbetracht der neusten Werbemarktprognosen dürfte eines schon heute sonnenklar sein: Online-Werbung boomt weiter - auch freitags nach 15:00 Uhr.

Über den Autor/die Autorin:

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