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ONLINE VERMARKTUNG - Aus der Praxis für die Praxis (5)

Evergreen schlägt Peak: Content-Commerce jenseits des Black Friday

Ulf Heyden, 14. Januar 2026

Aus der Praxis für die Praxis (5)

Bild: Paul Königer Bild: Paul Königer

Evergreen-Content ist für Publisher zur Sicherheitsleine geworden, weil Display-TKPs wanken und Premiumbudgets vorsichtiger fließen. Im Herbst hat sich bei vielen Publishern gezeigt, dass der Peak keine Wachstumsmaschine mehr ist, wenn Content-Commerce nur als Black-Friday-Aktion betrieben wird. Entscheidend sind Serien, Benchmarks und maschinenlesbare Service-Module, die ganzjährig konvertieren.

Content Commerce ist in den letzten Jahren für viele Publisher vom Nebenstrang zur Sicherheitsleine gegen sinkende Display-Erlöse geworden. Nicht, weil plötzlich alle Medienhäuser Händler spielen wollen, sondern weil das klassische Erlösfundament brüchiger wirkt als noch vor wenigen Jahren. Display-TKPs reagieren empfindlich auf die wirtschaftliche Unsicherheit seit Beginn des Ukraine-Krieges, Premiumbudgets werden vorsichtiger disponiert, und gleichzeitig verlagert sich ein Teil der Handelsbudgets in Performance-nahe Umfelder. In dieser Gemengelage zählt für Publisher heute jeder Erlösstrom, der näher am Kaufabschluss liegt und weniger von Stimmungswechseln im Mediaplan abhängt. Commerce ist genau das: eine zweite Monetarisierungslogik neben Reichweite, stärker gebunden an Nutzwert als an Zyklik.

Die Logik erinnert mich klar an die ersten Wochen der Corona-Zeit: Als Budgets zu Beginn der Pandemie abrupt eingefroren wurden, konnten clevere Publisher ihre Einnahmequellen schneller stabilisieren, weil sie bereits Service- und Kaufberatungssysteme hatten, die in Conversion übersetzen. So verkauften sich mit einem Mal Streaming-Abos oder auch Caravan-Beratungsleads wie warme Semmel, während große Markenhersteller komplette Branding-Budgets im Display- oder Video-Advertising teilweise monatelang eingefroren wurden. Publisher, die hier clever agiert haben, konnten das Jahr 2021 sogar mit deutlichem Plus abschließen. Diversifikation ist deshalb keine Kür, sondern Teil einer Widerstandsfähigkeits- und Resilienz-Strategie.

Wie Content-Commerce heute funktioniert

Und diese Strategien funktionieren auch 2026, nur nicht mehr mit der alten Formel „mehr Artikel gleich mehr Umsatz“ und schon gar nicht nur am Black Friday oder nur im Weihnachtsgeschäft. Der Peak des “Q4-Geschäftes” lebt, nur verteilt er sich. Aus dem Freitag wurde eine Woche, aus der Woche eine Saison. Amazon macht die Prime Days mittlerweile mehrfach im Jahr. Genau diese Streckung ist ein Grund, warum sich der Herbst 2025 in vielen Häusern wie Stagnation anfühlte: Wer nur auf den einen Moment setzt, kämpft plötzlich gegen einen Markt, der den Moment verdünnt und damit auch den vermeintlich sicheren Effekt.

Und doch habe ich von vielen Publishern in diesem Herbst eine große Enttäuschung gehört, wie das Content-Commerce-Geschäft im Herbst gelaufen ist. Mehr Deal-Artikel zu erstellen allein hat nicht mehr gereicht, weil der Wettbewerb um Kaufintention breiter ist als je zuvor. Marktplätze, Preisvergleich und Retail Media ziehen Intent an sich, während KI-Oberflächen und Zero-Click die klassischen Einstiegsfenster schrumpfen lassen. Wer in diesem Umfeld nur Inhalte produziert, produziert austauschbare Fläche. Und Austauschbarkeit ist das, was sowohl Algorithmen als auch Käufer am schnellsten abstrafen. Laut dem Awin Peak Shopping Tracker war das Q4 in 2025 im deutschen Content-Commerce durch Margendruck geprägt. Traffic, Umsatz und Salesvolumina stagnierten auf Vorjahres-Niveau.

Warum Serien und Benchmarks die neue Commerce-Währung sind

Was Publisher jetzt tun müssen, beginnt deshalb nicht mit mehr Output, sondern mit mehr Substanz und mehr Funktion. Commerce-Inhalte müssen den Filter der Verdichtung überstehen. Eine generische „Bestenliste“ wird kopiert, zusammengefasst und vom Marktpreis überholt. Ein Format, das testet, Kriterien offenlegt, Ergebnisse aktualisiert und echte Differenzen sichtbar macht, bleibt als Ursprung erkennbar. Genau hier liegt der Wert von wiedererkennbaren Artikelserien und eigenen Benchmarks, die man wie ein Produkt betreibt, nicht wie einen Artikelstapel.

Man muss sich nur ansehen, warum Formate wie bei Wirecutter (New York Times) so gut funktionieren: Nicht, weil dort ständig neue Superlative erfunden werden, sondern weil jede Empfehlung auf einer dokumentierten Testmethodik beruht. Messbare Kriterien, einheitliche Bewertungssysteme und transparente Aktualisierungen machen daraus kein journalistisches Format, sondern ein dauerhaft gepflegtes Produkt. Leser wissen, was sie erwartet, und kehren zurück, weil sie das System verstehen, nicht nur den einzelnen Artikel.

Genau diese Logik gibt es auch im deutschsprachigen Raum: Ein Spezialist wie Stereo Guide baut Kaufentscheidungen über klar definierte Testkriterien und wiederkehrende Bestenlisten, während Heise mit seinen Bestenlisten ein gepflegtes Empfehlungs- und Vergleichssystem etabliert hat. Und auch CHIP zeigt mit Testcenter und Laborlogik, wie sich Tests, Rankings und Service-Module so verdichten lassen, dass daraus ein wiederkehrendes Produkt wird, nicht nur ein saisonaler Ratgeber.

Evergreen aus News bauen: Methodik vorn, Mechanik darunter

Für Publisher heißt das: ein eigener Testparcours, ein klarer Kriterienkatalog, ein sichtbares Update-Protokoll. Damit entsteht eine Serie, die man wiedererkennt und die Nutzer wiederholt ansteuern, weil sie nicht nur informiert, sondern Entscheidungen vorbereitet. Für einen eher newsgetriebenen Publisher klingt das zunächst wie ein Fremdkörper, weil das Tagesgeschäft auf Tempo, Aktualität und Themenbreite optimiert ist. Genau deshalb muss man das Prinzip übersetzen, nicht kopieren. Der „Testparcours“ ist dann kein Labor, sondern ein redaktionelles Entscheidungsraster: Welche Kriterien zählen in dieser Kategorie wirklich, welche Datenpunkte werden immer erhoben, welche Händler und Produktfamilien werden dauerhaft beobachtet. Der Kriterienkatalog wird zur konstanten Klammer über alle News, Deals und Produktmeldungen hinweg, damit aus vielen Einzelstücken ein erkennbares System entsteht. Und das Update-Protokoll ist der Hebel, der News in Evergreen verwandelt: Nicht zehn neue Artikel pro Woche, sondern ein gepflegtes Cluster, in dem Preise, Verfügbarkeit, Testsieger, Alternativen und Warnhinweise nachvollziehbar nachgezogen werden. So bleibt die News-Kompetenz erhalten, aber sie arbeitet auf ein Produkt hin: eine kaufentscheidungsfähige Service-Oberfläche, die täglich aktuell wirkt und trotzdem über Monate trägt.

Damit die Website selbst zur Kaufentscheidungsumgebung wird, reicht aber nicht die inhaltliche Ebene. Es braucht eine strukturelle Basis, die Commerce skalierbar macht. Die interne Suche und Discovery dürfen nicht länger Nebenfunktion sein, sondern strategisches Herzstück: eine Engine, die Nutzer führt, statt sie scrollen zu lassen. Und es braucht Werkzeuge, die nicht am Ende eines Textes versteckt sind, sondern dort auftauchen, wo die Frage entsteht. Vergleichstabellen, Preisalarme, Deal-Tracker, Rechner und Konfiguratoren sind keine Dekoration, sondern die Wiederkehrmechanik, die aus einem Peak-Besuch eine Routine macht. Jede Friktion macht die Abkürzung über Plattformen attraktiver. Geschwindigkeit ist deshalb kein reines UX-Thema mehr, sondern ein Profitabilitätsfaktor.

Schärfe, System, Sichtbarkeit: Warum Maschinenlesbarkeit jetzt Erlösstrategie ist

Publisher müssen ihre Position systematisch überdenken, wenn daraus ein Ganzjahresprodukt werden soll. Das beginnt mit thematischer Schärfe. Wenige Cluster, die man besser erklärt als andere, werden zur Marke. Wiedererkennbare Serien, eigene Benchmarks und konsequente Wartung schaffen Verlässlichkeit und damit Verhandlungsmacht gegenüber Merchants. Eine Community, auch in kleiner Form, macht aus Reichweite Beziehung und aus Beziehung Wiederkehr. Auf der technischen Ebene wird Maschinenlesbarkeit zum Wettbewerbsvorteil, weil sie darüber entscheidet, ob diese Substanz in Suchsystemen, Assistenten und Plattformen korrekt extrahiert wird oder im generischen Brei verschwindet. Auch selbst aktualisierende Preis-Widgets-Module können hilfreich sein.

Maschinenlesbarkeit klingt nach SEO, ist aber längst Produktqualität. Produkt- und Angebotsdaten müssen strukturiert sein, damit Preise, Verfügbarkeit und Varianten nicht nur im Fließtext existieren. Bewertungslogiken müssen klar modelliert sein, wenn man Sterne, Rankings und Vergleichslisten wirklich als System betreiben will. Listen sollten als kuratierte Objekte erkennbar sein, nicht als zufällige Ansammlung von Absätzen. Gleichzeitig braucht es Absenderklarheit: sichtbare Autorenschaft, stabile Autorenseiten, konsistente Publisher-Identität. Wer eindeutig ist, wird sauber zugeordnet, und Zuordnung ist die Voraussetzung für Sichtbarkeit und Vertrauen in einer Welt, in der Antworten immer häufiger außerhalb der eigenen Seite entstehen. Und schließlich zählt Aktualität als Signal: Wer Deals und Preisstände pflegt, muss Updates schnell ausspielbar machen, damit Maschinen Änderungen nicht erst Tage später verstehen. Das ist der Unterschied zwischen „wir hatten den Deal auch“ und „wir waren der Ort, an dem er funktioniert hat“.

Nicht "mehr Commerce", sondern anderer Commerce

Der entscheidende Shift lautet deshalb: Black Friday ist nicht das Geschäftsmodell, sondern der Stresstest. Wer Evergreen-Commerce betreibt, nutzt das Q4-Geschäft als Turbo. Wer Black Friday betreibt, startet im Januar wieder bei null. Der Herbst 2025 hat gezeigt, wie teuer diese Abhängigkeit geworden ist, nicht nur beim Umsatz, sondern auch bei den Opportunitätskosten: Während Ressourcen in Wochenend-Deals fließen, bleiben die Themen liegen, die über Monate tragen und die Wiederkehr erzeugen.

Der Ausweg ist kein „mehr Commerce“, sondern ein anderer Commerce. Ganzjährig gedacht, als Evergreen-System aus Themenclustern, die dauerhaft Nachfrage bündeln: Kaufberatung, Preis-Leistungs-Logik, Wartung, Updates, Alternativen, Warnhinweise, bessere Kriterien. Der Unterschied liegt darin, dass die Seite nicht nur im Peak hilfreich ist, sondern im Alltag. Wer etwa Themen wie Energie, Mobilität, Technik, Haushalt oder Finanzen bespielt, hat jeden Monat Anlässe, weil Nutzer nicht nur im Weihnachtsgeschäft kaufen, sondern ständig abwägen, vergleichen, reparieren, wechseln und optimieren. Evergreen ist dabei kein Kalendertrick, sondern Produktpflege: Die besten Stücke sind nicht die, die man einmal schreibt, sondern die, die man dauerhaft betreibt.

Sichtbarkeit jenseits des klassischen Klicks

Mit dem Siegeszug der KI verschärft sich diese Logik: Generative Systeme nehmen dem generischen Ratgeber den Wert, weil sie ihn in Sekunden zusammenfalten und als Antwort ausspielen. Genau deshalb muss umgedacht werden: weg vom Artikel als Endpunkt, hin zum System als Ursprung. In einer KI-dominierten Discovery-Welt gewinnt nicht, wer am lautesten listet, sondern wer am saubersten begründet. Methodik, Benchmarks, Datenpunkte, klare Entitäten, nachvollziehbare Updates und Service-Module sind nicht nur besser für Nutzer, sie sind das Material, aus dem KI-Antworten gebaut werden. Wer diese Substanz liefert, wird häufiger referenziert, zitiert, weitergereicht, und schafft damit eine neue Sichtbarkeit jenseits des klassischen Klicks.

Der Peak bleibt wichtig, aber er ist nur noch der Moment, in dem sich zeigt, ob das Fundament trägt. Die eigentliche Wachstumsfrage entscheidet sich davor und danach: in der Fähigkeit, Evergreen-Themen systematisch zu besetzen, sie maschinenlesbar zu machen und sie so zu bauen, dass Nutzer wiederkommen, weil die Seite ihnen Arbeit abnimmt. Wenn das gelingt, wird das Q4-Geschäft zum Beschleuniger. Und Black Friday ist dann nicht mehr die Hoffnung auf Umsatz, sondern der Beweis, dass das Ganzjahresprodukt funktioniert.

Bild Ulf Heyden Über den Autor/die Autorin:

Ulf Heyden, Gründer und Geschäftsführer von Heyden.Net Internetservices, arbeitet als Digital Consultant und Sparringspartner für Publisher und digitale Geschäftsmodelle. Nach 25 Jahren in Medien, Produkt und Commerce in verschiedenen Verlagen (u.a. lange Zeit bei Burda) unterstützt er Unternehmen dabei, ihr digitales Potenzial in profitables Wachstum zu übersetzen.

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