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MARKETING ENTSCHEIDER - Interview mit Felix Göde, Göde Holding

Auf dem Weg ins Digitale: Marketing aus dem Mittelstand für Zielgruppen Ü70

Sandra Goetz, 29. November 2023
Bild: Bruno Martins – Unsplash

Der deutsche Mittelstand ist bekannt für seine Vielseitigkeit und seine wichtige Rolle in der deutschen Wirtschaft. Ein herausragendes Beispiel für einen mittelständischen Betrieb, der sich im Laufe der Zeit erfolgreich diversifiziert hat, ist die Göde Holding mit Hauptsitz in Waldaschaff, Bayern. Waldaschaff zählt knapp 4.000 Einwohner und liegt 15 Kilometer von Aschaffenburg entfernt. Auch Frankfurt am Main ist nicht weit, es sind 52 Kilometer Luftlinie.

Das Unternehmen, das vor über vier Jahrzehnten von Dr. Michael Göde gegründet wurde und zunächst im Bereich Briefmarken und Münzen rund um Raumfahrt tätig war, hat sich zu einer breit gefächerten Unternehmensgruppe entwickelt, die heute in Bereichen wie Versandhandel, erneuerbare Energien, Dienstleistungen und Forschung international aktiv ist. Der Umsatz beträgt laut Firmenangaben 111,7 Millionen Euro.

Eine interessante Facette der Göde Holding ist zudem ihre Tochtergesellschaft Tec Ventures, eine inhabergeführte und unabhängige Venture-Capital-Gesellschaft. In diesem spannenden Unternehmenskontext haben wir die Gelegenheit genutzt, mit Felix Göde, Managing Director Sales und – nicht zu übersehen – Filius von Unternehmensgründer Michael Göde, über Technologie, Künstliche Intelligenz und Marketing zu sprechen. Und was es heißt, Zielgruppen von Ü70 zu haben.

Bild: Göde Felix Göde, Göde Holding

ADZINE: Hallo Felix, prima, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Die Göde Gruppe scheint ein „Hidden Champion“ des deutschen Mittelstands zu sein. Was kannst du uns zum Unternehmen sagen? Am besten fangen wir mit dir an.

Felix Göde: Gerne. Ich bin Felix, 38 Jahre alt, verheiratet, seit neuestem mit einem Kind – unser Erstes. Meine Eltern haben Göde 1978 gegründet, ich bin die zweite Generation. Vor knapp vier Jahren bin ich in das Familienunternehmen eingestiegen, und zwar im Bereich Sales und digitales Marketing, wobei der Fokus auf Vertrieb liegt.

ADZINE: Was hast du gemacht, bevor du ins Unternehmen eingestiegen bist?

Göde: Ich habe International Business in London und Madrid studiert und meinen Bachelor gemacht. Ich bin dann in die Startup-Szene in Berlin eingetaucht und habe hier eine große Affinität für Technologien entwickelt, unter anderem als Projektmanager für Serviceplan. Berlin war hier mit Blick auf Deutschland seiner Zeit einige Jahre voraus, das betrifft auch die Arbeitsweisen. Ich konnte einiges von dem, was ich in den Jahren gelernt und erfahren habe, bei meinem Einstieg ins Familiengeschäft mitnehmen, wenn auch nicht alles. Unser Fokus ist in unserem Kerngeschäft noch immer eher Print und Telefon statt Online, und das liegt daran, dass unsere Zielgruppe ein Durchschnittsalter von weit über 70 hat.

ADZINE: Eine Zielgruppe, die weit über 70 ist? Was macht man denn da?

Göde: (schmunzelt) Nicht nur unsere Zielgruppe, ebenso sind unsere Kunden Ü70, das deckt sich. Was nicht verwundern kann, denn wir haben das Münz- und Sammlergeschäft als Kerngeschäft und hier sind unsere Kunden eben alle ein wenig älter.

Unser zweites großes Standbein ist der Gesundheitsmarkt mit Nahrungsergänzungsmitteln. In diesen Wachstumsmarkt sind wir vor knapp sieben Jahren eingestiegen. In diesem Geschäftsbereich liegt unser Fokus auf den Best Agern, also 55 plus.

ADZINE: Ü70 und Best Ager – das sind spannende Zielgruppen, aber wo soll es zukünftig in Sachen Marketing hingehen? Es kann doch nicht bei Klassik bleiben, bei Telefonaten und Postwurfsendungen, zumal wir eine große Nachhaltigkeitsdebatte führen und auch das Telefonmarketing gesetzliche Grenzen auferlegt sind, oder?

Göde: Das stimmt, deswegen gehen wir sehr iterativ vor. Momentan funktioniert Print für uns noch sehr gut. Aber tatsächlich haben wir seit etwa drei Jahren sehr verstärkt den Onlinebereich forciert und konzentrieren uns immer mehr auf das Digitalmarketing. Das liegt auch daran, dass unsere Kunden durch die Corona-Pandemie mehr mit dem Internet zu tun haben. Die Großeltern haben gelernt, mit ihren Kindern und Enkeln via Videochat zu sprechen et cetera. Für uns heißt das: Wir können diese Zielgruppe seit Corona besser digital erreichen als vorher.

ADZINE: Welche Auswirkungen hat das auf die Digitalstrategie?

Göde: Eine große, wir haben unsere ganze Digitalabteilung neu aufgestellt. Bei Münzen und Medaillen haben wir hier nie richtig Fuß fassen können, weil es einfach Push-Produkte sind, aber beim Thema Gesundheit ist das anders. Unsere Best-Ager-Zielgruppe hat ähnliche Indikationen: chronische Schmerzen, Gelenkprobleme, Blasenprobleme – das heißt, wir können online sehr viel effizienter werben und auch neue Kunden generieren. Das erwarten wir auch für die Zukunft tatsächlich.

ADZINE: Welche Segmente des Online-Marketings sind wichtig?

Göde: Videomarketing und Affiliate spielen für uns eine große Rolle. Wir haben gemerkt: Das funktioniert besser als alles andere. Momentan sind es unsere Wachstumstreiber.

ADZINE: Kannst du Video spezifizieren, was macht die Göde Gruppe genau?

Göde: Es ist ziemlich basic. Wir produzieren Videos mit sehr vielen Testimonials. Auf Social Media werden unsere Kundinnen und Kunden dabei nicht direkt angesprochen, unser Ansatz ist eher ein „Hey, tu doch deinen Eltern oder Großeltern etwas Gutes, unterstütze sie in ihrer Gesundheit. Vielleicht ist dieses Produkt etwas für sie“. Durch Video sind wir nach vielen Jahren der Abstinenz wieder in die TV-Werbung eingestiegen. Infomercials funktionieren gut, das werden wir weiter ausbauen, auch in anderen Ländern wie England, wo wir bislang eher klassische TV-Werbung machen.

ADZINE: Kommen wir zum Thema Investitionen. Mit Tec Ventures habt ihr eine familieneigene Venture-Capital-Gesellschaft, wie passt das zusammen?

Göde: Die Venture-Capital-Gesellschaft ist bereits vor zehn Jahren von meinem Vater gegründet worden. Mein Vater ist promovierter Betriebswirt, ein bis heute extrem neugieriger und vielseitiger Mensch und noch immer aktiv. Er schaut sich gerne viele neue Geschäftsmodelle an, analysiert diese und schaut, ob diese eventuell etwas für uns wären.

ADZINE: Gibt es einen bestimmten Fokus?

Göde: Nicht wirklich, es geht rein nach Interessenslage, auch, wenn wir jetzt gesagt haben, wir würden mehr strategische Investments machen. Wenn jemand ein großartiges Produkt, eine coole Idee hat, Zahlen, die überzeugen, sind wir dabei. Als Tec Ventures sind wir beispielsweise einmal in einem HR-Bereich aktiv, wir sind an einem Startup für Privatjets beteiligt, dann an einem Hochtechnologie-Startup in Wien – und an dem Foodstartup Brizza. Das ist eine Brezelpizza, die in Aschaffenburg von den Geschwistern Jennifer und Sascha Zeller kreiert wurde und jetzt in den Lebensmitteleinzelhandel geht. Mit Tech hat das wahrlich nichts zu tun, sondern mit Food und Lifestyle. Uns hat aber das Startup überzeugt, wobei intern noch nicht ganz klar ist, ob wir das Investment bei Tec Ventures belassen oder in die Göde Holding übertragen.

ADZINE: Viele Startups müssen von Anfang auf digitales Marketing setzen. Doch beim Mittelstand gibt es noch immer nicht wenige, die vor großen Herausforderungen in Sachen Digitalisierung, digitales Marketing und nun auch KI stehen. Hast du einen Tipp?

Göde: Hm, ich möchte mir nicht anmaßen, anderen Unternehmen Tipps zu geben, obwohl wir beim Thema KI sehr viel machen und sich in einigen Gesprächen mit anderen Mittelständlern herausgestellt hat, dass wir weit vorne sind.

ADZINE: Wie wäre es mit einem Versuch?

Göde: (lachend) So machen wir das! Also, KI wird so revolutionär sein wie das Internet, beziehungsweise die Einführung des Internets in den Massenmarkt. Wenn ich es nicht schon getan hätte, würde ich mich ab sofort intensiv mit KI beschäftigen. Ich würde versuchen, sie in allen Prozessen zu implementieren, wo es Sinn ergibt. Ebenso gilt es, dranzubleiben, denn es ändert sich täglich was. Das kostet viel Arbeitszeit, das kostet auch Gehirnschmalz. Es ist wichtig zu schauen, was sinnvoll ist.

Ich habe das Gefühl, dass, wenn man sich jetzt nicht 100 Prozent committet, man das später bereuen wird. Dann ist der KI-Zug abgefahren und man kommt nur noch schwer hinterher. Deswegen hat es einen hohen Stellenwert bei uns und das bedingt jetzt auch das Thema Vertrieb und Digitalmarketing, weil wir dort jetzt schon die KI einsetzen. Das hätten wir uns vor einigen Monaten nicht vorstellen können. Bei uns sind dadurch Aktionen profitabel geworden, die es vorher nicht waren. KI ist mehr als ein Schlagwort, das gerade gerne benutzt wird. Es gibt nichts Spannenderes und nichts mit mehr Potenzial momentan weltweit, glaube ich.

ADZINE: Lieber Felix, wir danken dir für dieses Gespräch.

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