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NEW WORK - Interview mit Mark Pecnik aka DJ Marky

New Work: Eine 25-jährige Karriere als Techno-DJ im Wandel der Zeit

René Weber, 16. August 2019
Bild: DJ Marky

Resident-DJ im Stammheim in Kassel, regelmäßige Auftritte im U60311, Tresor, Palazzo und bei der Nature One – Mark Pecnik aka DJ Marky hat in seiner 25-jährigen Karriere als Techno-DJ in den bekanntesten Clubs und Festivals für elektronische Musik aufgelegt und mit jetzt Mitte 40 noch nichts an Begeisterung für seinen Job eingebüßt. Wir haben mit ihm darüber geredet, wie er als DJ zum Thema New Work steht, wie er nach einem langen Wochenende die Energietanks wieder voll bekommt und ob er sich vorstellen kann, bis zur Rente in seinem Beruf zu arbeiten.

ADZINE: Hallo Mark, der Wandel der Arbeitswelt hin zu New Work ist derzeit ein Riesenthema. New Work ist viel mehr als nur Homeoffice, es geht um Vertrauensarbeitszeit und -ort, flache Hierarchien und agile Arbeitsweisen. Nun bist du schon lange Jahre als Techno-DJ tätig. Wie hat sich dein Job in der Zeit gewandelt?

Mark Pecnik: Das Internet und viele technische Innovationen haben das DJing nach der Jahrtausendwende nachhaltig verändert. Ist man früher einmal die Woche in seinen Plattenladen des Vertrauens gegangen, um in stundenlanger Feinarbeit die neuesten Schallplatten abzugreifen, so kauft man heute seine MP3-Tracks ganz bequem zu jeder Tageszeit für ein paar Cent auf den bekannten Musikplattformen. Ist man früher mit zwei 25 kg schweren Koffern voller Platten zu seinen Auftritten gefahren, so reicht heute ein USB-Stick oder Laptop mit MP3-Files drauf. Die Eigenvermarktung über Facebook, Instagram & Co. ist auch ein ganz wichtiger Part des „modernen DJs“ geworden. Ohne mehrere Artist-Seiten, die du ständig mit Content fütterst, kommst du heute als Künstler nicht mehr weit.

Das hört sich zwar im ersten Moment alles ganz toll an und ich nutze auch einige dieser Innovationen, aber am Ende haben diese auch das DJ-Handwerk, wie es einmal war, komplett verändert und für mein Verständnis auch zerstört. Heute kann sich einfach jeder, der 200 Euro investiert und sich kurz mit der Materie beschäftigt, DJ schimpfen – das war zu meiner Anfangszeit schon eine andere Nummer.

ADZINE: Siehst du bei New Work Anknüpfungspunkte zu deinem Beruf? Gib uns doch mal einen Einblick in deine (Arbeits-)Woche.

Pecnik: Der DJ-Job ist natürlich schon immer eine selbstständige Arbeit gewesen und daher kann ich mir die Sachen, die ich erledigen muss, so einteilen, wie ich möchte. Aber man muss auch ganz klar sagen, dass sich das DJing größtenteils am Wochenende abspielt. Ich habe noch nie einen 9-to-5-Job ausgeübt. Ich könnte das auch, glaube ich, gar nicht mehr, da ich auf diese Freiheit nicht verzichten möchte. Unterhalb der Woche halte ich zwei, drei Stunden auf den Online-Plattformen und in meinen E-Mail-Postfach nach neuen Tracks Ausschau. Ich muss jetzt auch nicht mehr jeden Tag am Mischpult stehen und das Mixen üben – das ist in Fleisch und Blut übergegangen.

ADZINE: Woher nimmst du die Inspiration für deine Musik? Von anderen DJs?

Pecnik: Von anderen DJs habe ich zu meiner Anfangszeit eher die Mixstile analysiert und übernommen als ihren Musikstil: wie und ab welchem Punkt laufen die Platten am besten übereinander, wie kann ich besser mit dem Pitch umgehen, wie bediene ich den Mixer richtig, wie kann man tolle Spannungsbögen über eine Nacht aufbauen. Da waren DJs wie Laurent Garnier, Richie Hawtin, Carl Cox und Sven Väth sehr faszinierend.

Dass ich druckvollen Techno und seine Variationen spielen will, war mir von Anfang an klar. Nach einigen Jahren im Stammheim haben wir als DJ-Team mit dem in der Szene berühmten „Stammheim Sound“ einen eigenen Stil erschaffen. Übrigens erarbeite ich auch nie ein Set im Voraus, wie es heutzutage viele „große DJs“ machen. Ich mag den Freestyle-Faktor, wenn ich nicht weiß, wo die Reise hingeht, und persönlich finde ich, dass dies auch einen guten DJ ausmacht.

ADZINE: „Mein Leben ist meine Arbeit und meine Arbeit auch mein Leben“ – sagte Personalberater Harald F. Fortmann letztens in einem Interview mit uns. Die Rede ist von Work-Life-Blending, sprich: Arbeit und Privatsphäre vermischen sich immer mehr. Kannst du dem Thema was abgewinnen? Inwiefern empfindest du das DJing auch als Spaß und nicht als Arbeit bzw. umgekehrt?

Pecnik: Klar ist das Auflegen, die Nächte durchleben, das viele Reisen sehr anstrengend. Aber das war und ist mein Traum und das wollte ich so. Von daher ist da natürlich immer sehr viel Spaß dabei. Vor allem wenn man dann vor einem Publikum steht, fünf Stunden gespielt hat und in all die dankbaren Gesichter blickt, wenn das Putzlicht im Club angeht – das gibt einem sehr viel. Also ich kann ganz klar sagen, dass ich Work-Life-Blending wohl seit meinem 18. Lebensjahr perfekt umsetze.

ADZINE: Als Familienvater mit zwei Kindern und angesichts meines partyuntauglichen Alters von knapp 40 bin ich heutzutage mehrere Tage lädiert, wenn ich mal mit Freunden bis nach 24 Uhr feiern gehe. Als DJ schlägst du dir regelmäßig lange Nächte um die Ohren. Wie sieht so ein Wochenende von dir aus, wenn du auflegst? Wie entspannst du dich im Nachgang und tankst neue Energien?

Pecnik: Das Motto "Monday is the DJ‘s Sunday“ ist schonmal ganz wichtig und da ich keinen 9-to-5-Job ausübe, kann ich mich im Anschluss an ein hartes Wochenende immer sehr gut erholen. Sport, gutes Essen und einen gepflegten Mittagsschlaf halten gehören auch dazu. Ansonsten ist das DJ-Leben am Wochenende ein sehr anstrengendes und teilweise auch ein sehr einsames. So sehr man es auch versucht, man kann seinem Tag-Nacht-Rhythmus nicht entkommen.

Ich versuche die Zeit, die ich zur Anreise zu den Gigs benötige, und die Zeit in den Hotels vor Ort so minimal wie möglich zu halten. Viele übersehen gerne, dass die Anreise und das Warten vor einem Zwei-Stunden-Gig anstrengender als das Auflegen selbst sind. DJ Hell wurde mal gefragt, was er in seinem Leben anders machen würde, und er hat geantwortet: „Weniger Reisen und Zeit in Hotels verbringen.“ Das kann ich nach all den Jahren voll bestätigen, denn es ist verschwendete Zeit.

ADZINE: Du übst deinen Job wie erwähnt schon recht lange aus. Heute ist es fast exotisch, lange Jahre dem gleichen Beruf nachzugehen. Woher nimmst du noch die Motivation für deine Tätigkeit? Bis wann, denkst du, kannst du den Job noch machen? Hast du einen Plan B?

Pecnik: Ich habe mit ca. zehn Jahren den Film „Beat Street“ gesehen, in dem es um einen aufstrebenden DJ in New York ging, und ab dem Moment wollte ich DJ werden, das war mein ganz großer Traum. Dass ich dann tatsächlich mit 18 Jahren hinter den Plattentellern des Aufschwung Ost, später Stammheim, stehen konnte und dieser Club dann ein paar Jahre danach zum Club des Jahres in Deutschland gewählt wurde, grenzt schon fast an ein Wunder. Mein Traum wurde zu hundert Prozent erfüllt, wer kann das schon von sich sagen? Heute mit 44 Jahren bin ich sehr dankbar für mein bis jetzt gelebtes, wildes Leben und das gibt mir die Motivation, mit dem Auflegen auch noch ein paar Jährchen weiterzumachen. Aber in letzter Zeit auch schon etwas entspannter, nicht jedes Booking wird mehr mitgenommen.

Was den Plan B angeht: Ich arbeite schon eine Weile nebenher für ein kleines Transportunternehmen, aber das in Maßen. Alles läuft dort sehr familiär ab und ich kann mir meine Arbeitszeit selbst einteilen. Mir war es ab einem gewissen Punkt wichtig, auch im normalen Arbeitsleben wieder Fuß zu fassen, denn mir ist klar, ich werde mit Sechzig bestimmt nicht mehr hinter den Tellern stehen...vielleicht.

ADZINE: Im Digital Marketing ist viel von Kundenerlebnissen die Rede, die man besser erfüllen sollte, um nicht von den Kunden abgestraft zu werden. Inwiefern kannst/musst du beim Auflegen auf die Stimmung der Audience/der Clubbesucher eingehen? Kann man als DJ auch komplett sein eigenes Ding durchziehen, ohne Beachtung des Rückkanals?

Pecnik: Die Leute, die zu meinen Auftritten kommen, wissen ja schon, welchen Stil ich auflege, und da kommt es eher nicht zu Reibereien zwischen mir und dem Publikum. Außerdem sollte man auch bei der Booking-Anfrage im Vorhinein schauen, wo man hingebucht wird und ob das musikalisch auch passt, und gegebenenfalls ein Booking auch mal ablehnen. Man sollte als DJ schon seinen eigenen Stil durchziehen, aber auch das Publikum nie aus den Augen verlieren.

ADZINE: In unserer Branche ist Storytelling ein wichtiges Thema – man muss gute Geschichten erzählen können, um die Kunden zu begeistern. In einem Interview sagtest du mal: "Musik hat mich schon immer bewegt, egal welche. Beim Techno sind es die Geschichten, die man in einem Set erzählen kann, und aus DJ-Sicht natürlich die unglaublich gute Mixbarkeit der einzelnen Tracks." Wie sieht so eine Geschichte aus, die du mit Musik transportierst? Kannst du das etwas beschreiben?

Pecnik: Ein Mix und das Storytelling darüber sind immer situationsabhängig. Lege ich anderthalb bis zwei Stunden zwischen mehreren DJs auf, versuche ich natürlich so viel Kraft auf den Dancefloor zu bringen, wie es geht. Spielt man aber ein langes Set von mehreren Stunden, kann man von hart bis zart alles einbauen und die Leute auf eine Reise mitnehmen. Auch wenn das für Außenstehende nie so offensichtlich ist, sind Techno und House sehr facettenreiche Musikstile und diese können dich drei Stunden wie wild durch den Club springen oder auch mit einer Gänsehaut des Todes durch den Raum schweben lassen.

ADZINE: Danke für das Gespräch, Mark!

René Weber / Adzine Über den Autor/die Autorin:

René Weber ist als Marketing und Conference Manager bei ADZINE tätig. In dieser Rolle beschäftigt sich der Kommunikationsexperte mit der Marken-Positionierung des Unternehmens sowie der Vermarktung der Mediaprodukte und der Weiterentwicklung der Fachkonferenzen von ADZINE EVENTS (z.B. Play Video Advertising Summit, Adtrader Conference).

Vor ADZINE arbeitete René mehrere Jahre für namhafte Kommunikationsagenturen, wo er sich vor allem auf die Beratung internationaler Technologieunternehmen in den Bereichen Digital Marketing und Advertising fokussiert hat. Daneben hat er bekannte Marken aus den Bereichen E-Commerce und Retail beraten.

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