SOCIAL MEDIA - Youtube Backstage

Macht Google aus Youtube ein vollwertiges Social Network?

Von Jens von Rauchhaupt, 29. August 2016

Google's Videoplattform Youtube steht durch Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat mächtig unter Druck. Daher plant Google einen Befreiungsschlag. Unter der internen Bezeichnung „Backstage“ sollen die Social Media Funktionalitäten auf Youtube deutlich ausgebaut werden. Youtube Nutzer werden beispielsweise sehr bald auch Fotos, Posts, Umfragen und andere Inhalte mit ihren Channel-Abonnenten teilen können. Laut dem Branchenmagazin Venturebeat sind die Neuerungen für Ende 2016 geplant, bereits ab Herbst können ausgesuchte YouTube-Kanälen die neuen Funktionen testen.

Youtube war aufgrund seiner Share- und Kommentarfunktion schon immer ein Social Media Angebot, verstand es allerdings nie, sich als vollwertiges Social Network zu positionieren. Das könnte mit „Backstage“ nun anders werden, wenn Youtuber fortwährend mit ihren Abonnenten kommunizieren und Inhalte teilen. Zudem sollen vorhandene Social Media Netzwerke und Dienste wie Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat besser in YouTube integriert werden.

Für viele Publisher also eine neue Social Media Baustelle. Allerdings sei das Vorhaben von Google gerade für Marken eine durchaus gute Nachricht wie Julian Jonas, YouTube Experte von der Performance Marketing Agentur eprofessional meint:

Regelmäßig auf YouTube präsent zu sein, ist schwer, da Videos relativ aufwendig in der Produktion sind. Kleinere Themen und Kampagnen fielen bei YouTube bisher oftmals hinten runter und fanden ihr zuhause eher auf Facebook und Instagram. Mit Backstage würde die Pflege dieses Kanals deutlich einfacher werden. Branding und Kommunikation werden günstiger.

(Julian Jonas, eprofessional)

Auch für das Advertising kann Backstage als eine spannende Innovation im Bereich Native Advertising verstanden werden. Werbebanner werden von den meisten Nutzern eher als störend empfunden. Wenn nun Werbung wie bei Facebook innerhalb eines Feeds möglich wird, dann eröffnen sich neue spannende Möglichkeiten für den Advertiser. „Einen YouTube-Kanal groß zu machen, ist harte Arbeit und meist ein langwieriges Geschäft. Über Feeds könnten Marken ihre Kanäle einfacher bewerben und schneller aufbauen“, sagt Jonas. Gerade im Remarketing-Bereich ergeben sich daraus interessante neue Möglichkeiten.

Neuerungen sind immer auch ein Wagnis

Ganz risikofrei ist das neue Format allerdings nicht und Google tut sich mit Social Media seit jeher bekanntlich schwer. Wer eben gerade deshalb bei YouTube ist, weil er keine Flut an Statusmeldungen und Bildern haben möchte, könnte eher verschreckt werden. Spannend wird auch sein, wie sich die Wahrnehmung des Video-Contents allgemein entwickelt. Gehen einzelne Posts vielleicht in der Schnelllebigkeit der Feeds unter und verringern sich dadurch womöglich die Durchsehraten der Videos? In diesem Fall würde YouTube vermutlich einen Schritt zurückgehen.

Die entscheidende Frage ist, ob die User das Format annehmen wird. Traut man YouTube zu, als Full Social Media Plattform zu überzeugen oder wird mit Backstage der Markenkern verwässert und beschädigt? Immer wieder ist Google mit Social-Media-Ansätzen gescheitert und hat dadurch eine große Lücke im Portfolio, die unter anderem Snapchat und Instagram erfolgreich belegen konnten.

Mehr soziale Kommunikation

Neben den Backstage-Gerüchten greift Google auch nach mehr Live-Streaming-Anteilen. Über die mobile App sollen User künftig selbst live-streamen können, so wie bei Periscope. Dieses Format wird die Hangouts ablösen, ein Feature, das nie so richtig zum Massenmedium geworden ist. Außerdem versucht Google, mit Gaming.youtube.com wieder Gamer für sich zu gewinnen. Kommen wird auch eine neue Messenger-Funktion, die die Kommunikation zwischen den Usern erhöhen soll.

„Wenn Youtube nach wie vor der große Player bleiben möchte, muss es sich weiterentwickeln“, sagt Youtube Experte Jonas. Youtubes Position als Die Mega-Video-Plattform für Tutorials und Influencer sei weiterhin ungefährdet. Der „alltägliche“, user-generated Video-Content findet aber schon länger nicht mehr so richtig statt. Die neue Ausrichtung soll YouTube auch langfristig eine Spitzenposition bei Usern und Werbekunden sichern. Nutzer sollen über schnellen Content wie Bilder und Tweets länger auf der Plattform gehalten werden, die riesige Community der Gamer soll von Twitch losgeeist werden, die Schwellen für Live-Streaming werden abgebaut. „Spannend, ob das klappt. Die Reichweite in den jungen Zielgruppen ist jedenfalls da und neue Möglichkeiten werden manchmal sehr schnell von den Usern adaptiert. Vor allem, wenn diese noch schnellere Interaktionen ermöglichen, weil sie die Kommunikation noch unmittelbarer machen. Tempo und Bewegtbilder sind die großen Hebel, das hat Google erkannt. Bleibt nur die Frage, ob es nicht etwas zu spät umgesetzt wird“, resümiert Jonas.