Ad Fraud im Open Market: Büßt CTV seinen Ruf als Premium-Werbeumfeld ein?
Adam Iwinski, 10. April 2026Connected TV gilt als Premium-Umfeld für digitale Werbung: hochwertige Inhalte, aufmerksame Zuschauer:innen und eine Brand-Safe-Umgebung, die Werbungtreibenden und Marken maximale Sichtbarkeit und Wirkung verspricht. Doch diese Sicherheit scheint aktuell an einigen Stellen zu bröckeln. Der rasante Aufstieg von CTV als programmatischer Werbekanal birgt neue Risiken, die sich jedoch nicht gleichmäßig über alle Handelswege verteilen und insbesondere im Open-Auction-Bereich Probleme verursachen.
Doch wie groß ist die tatsächliche Bedrohung durch Ad Fraud im offenen CTV-Handel in Deutschland? Marketer, die sich diese Frage stellen, sollten sich auch fragen, vor welchen Fraud-Mechanismen sie ihre Brand besonders schützen müssen und welche konkreten Schutzmaßnahmen sie implementieren können, um den Auswirkungen von Ad Fraud im Open-Auction-Bereich entgegenzuwirken.
Die Dimensionen von Fraud: So wird zugeschlagen
Die Dimensionen von Fraud im CTV werden durch konkrete Fälle greifbar: "Smoke Screen" generierte über Screensaver-Apps Millionen wertloser Impressions. Auch "Cyclone Bot" verursachte international Schäden in Millionenhöhe, genauso wie das „TV-Off“-Problem, bei dem das Gerät zwar längst ausgeschaltet war, aber weiterhin Werbung ausgespielt wurde. Die dahinterstehenden Fraud-Mechanismen stellen im Open-Market-Bereich eine reale Bedrohung dar.
Im Kern lassen sich mehrere Hauptangriffsmethoden identifizieren:
Bei App- und Channel-Spoofing tarnen Betrüger minderwertiges oder nicht existentes Inventar als Premium-CTV-Content. Dabei werden Bundle-IDs, also eindeutige App-Identifikatoren wie com.unternehmen.appname, und Channel-Informationen gefälscht, sodass Werbetreibende glauben, ihre Anzeigen würden auf bekannten Streaming-Plattformen oder bei hochwertigen Publishern ausgespielt werden. Die Anzeigen laufen jedoch auf manipulierten Geräten oder Apps.
Beim Missbrauch von Server-Side Ad Insertion (SSAI) nutzen Betrüger Schwachstellen in SSAI-Implementierungen, um so gefälschte Anzeigenanfragen zu generieren oder legitime Werbeaufrufe zu duplizieren. Da die Anzeigen serverseitig eingefügt werden, wird die Client-seitige Verifikation erheblich erschwert.
Zusätzlich stellen schwache oder gefälschte Identifikatoren ein wachsendes Problem dar. Auf internationaler Ebene hat die Bundle-ID-Krise beunruhigende Ausmaße erreicht. Nach Angaben von Pixalate war mehr als jede dritte Bundle-ID potenziell ungültig oder kompromittiert. Diese Identifikatoren sind jedoch essenziell für Targeting, Frequency Capping und Attribution. Infolgedessen werden sämtliche Kampagnenkennzahlen verfälscht.
Auch über CTV hinaus wird der rapide Anstieg von General Invalid Traffic (GIVT) zu einer wachsenden Gefahr. Moderne Bots, häufig KI-gesteuert, simulieren menschliches Verhalten mit zunehmender Glaubwürdigkeit. Crawler und Scraper werden für Fraud-Aktivitäten umfunktioniert.
Open vs. Private: Der entscheidende Unterschied
Aktuelle Daten von Pixalate zeigen für das dritte Quartal 2025 eine globale Invalid Traffic (IVT) Rate im programmatischen CTV-Bereich von 19 Prozent. Diese Zahl erfordert jedoch eine differenzierte Einordnung: Sie bezieht sich in erster Linie auf Open Auction-Inventar. In Deutschland wird CTV-Werbung allerdings meist über Private Marketplaces (PMPs) oder Programmatic Guaranteed (PG) gehandelt, wo die Fraud-Raten deutlich niedriger liegen. Die hohen IVT-Raten sind also vor allem ein Warnsignal für Werbetreibende, die ausschließlich oder überwiegend auf Open Auction setzen.
Wer hingegen auf kuratierte Deals und PMPs setzt, profitiert von deutlich niedrigeren IVT-Raten. Europa weist mit rund 0,7 Prozent über alle digitalen Kanäle hinweg eine der niedrigsten Fraud-Raten weltweit auf. Diese aggregierte Zahl umfasst jedoch unterschiedliche Kanäle und Handelsmodelle und ist daher nur eingeschränkt mit spezifischen CTV-Werten vergleichbar. Die wesentlich höheren IVT-Raten im Open-Auction-Bereich (37 Prozent in Deutschland) zeigen, dass dieser Handelsweg für hochspezialisierte Betrugsnetzwerke anfälliger ist als PMPs.
Was Fraud wirklich kostet: Budgets, Daten, Vertrauen
Global wurden im 3. Quartal 2025 über 6,1 Milliarden US-Dollar in programmatisches CTV investiert, wobei Europa einen Anteil von 30 Prozent hatte. Die finanziellen Dimensionen von Fraud im CTV sind im offenen Handel erheblich.
Gravierender sind allerdings die indirekten Kosten durch verfälschte Performance-Daten. Wird Bot-Traffic als legitime Views gezählt, führt dies zu falschen Kampagnenwerten und falschen Optimierungsentscheidungen sowie zu einer gestörten Attribution und Frequenzkontrolle.
Das erklärt, warum Premium-CTV-Inventar weiterhin primär über PMPs gehandelt wird. Gleichzeitig erklärt dies, warum viele Marktteilnehmer bei hochwertigen CTV-Inventaren weiterhin auf direkte Deals und kuratierte Umfelder setzen. Neben Fraud-Aspekten spielen dabei jedoch auch Faktoren wie Preisstabilität, Planungssicherheit und Inventarkontrolle eine Rolle.
Schutz-Maßnahmen gegen Fraud: Der Weg zum sicheren Budget
Effektiver Schutz gegen Fraud basiert auf einem vielfältigen Ansatz aus Technologie, Partnerschaften und kontinuierlicher Überwachung. Spezialisierte Tools analysieren SSAI-Traffic auf Anomalien und filtern verdächtige Bid Requests schon vor dem Gebot aus. Machine-Learning-Modelle ermöglichen darüber hinaus Echtzeitanalysen von Traffic-Mustern und lernen kontinuierlich aus neuen Fraud-Methoden. Die Integration zertifizierter Anti-Fraud-Anbieter kann zusätzliche Verifikationsebenen schaffen.
Direkte Partnerschaften mit führenden CTV-Netzwerken und SSPs schaffen kürzere Supply Chains mit weniger Schwachstellen und ermöglichen eine transparente Nachvollziehbarkeit der Inventarquellen. Werbungtreibende setzen daher häufig auf Private Marketplaces (PMP) und Programmatic Guaranteed (PG), da die höhere Transparenz und direkte Publisher-Beziehungen Fraud-Risiken reduzieren können.
Der offene Markt kann sich als ergänzende Ebene für skalierbare Reichweite entwickeln, vorausgesetzt, Fraud-Kontrolle, Verifizierung und Qualitätsstandards werden kontinuierlich weiter verbessert.
Ausblick: Open Market und Premium CTV im Spannungsfeld
Nach Einschätzungen des IAB Europe gehört CTV zu den wichtigsten Wachstumsbereichen im digitalen Video, getrieben durch veränderte Sehgewohnheiten, zunehmende Nutzung von Smart-TVs in Haushalten und die steigende programmatische Nachfrage von Werbungtreibenden. Die Frage ist also nicht, ob CTV wachsen wird, sondern wie sich der Markt strukturieren wird.
Anti-Fraud ist zentral für die zukünftige Ausgestaltung des CTV-Handels. Solange der offene Markt anfällig ist für Spoofing, ungültige Identifier und nicht-menschlichen Traffic, fällt es Werbungtreibenden und Marken schwer, ihn als vertrauenswürdigen Kanal für Premium-Investitionen zu nutzen. CTV wird daher nur dort wachsen, wo es hohe Transparenz, validierte App-IDs, konsistente Verifizierung und strenge technische Standards gibt.
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